Am Anfang war der Kreis


Eine Klangkreislesung beim düsseldorf festival!

Foto: Nils Vieten

Acht Lautsprecher, im Rund aufgestellt. Sanftes Vogelgezwitscher schwebt in der Luft. Plötzlich kapern andere Klänge den Raum. Von allen Seiten Geräusche, Töne, Wummern, Brummen, Surren, sie rotieren, auditive Achterbahn, Surround-Sound in Reinform. Ein sprudelndes Klangbad, in das nur eintaucht, wer sich in den Kreis begibt.

Beim Podiumfestival 2014 wurde der Lautsprecherkreis – eine Idee von Fabian Russ – für Lesungen und Konzerte genutzt, mal draußen, mal drinnen; und begeistert aufgenommen. Nun wurde die Installation für das Düsseldorf Festival reaktiviert. Im tanzhaus nrw, nicht weit vom Düsseldorfer Hauptbahnhof, wurde der Kreis an vier aufeinanderfolgenden Abenden für fünf Veranstaltungen genutzt; am vergangenen Donnerstag für die kreisförmige Lesung „Texte, Töne und Schnecken“ mit Robert Gwisdek und Fabian Russ.

In einem schummrig beleuchteten, fensterlosen, hohen Raum, der Boden mit schwarzen Matten ausgelegt, wurden die Lautsprecher aufgebaut. Inmitten des Kreises eine Stehlampe und zwei Stühle sowie ein Tisch, auf dem die Technik-Apparatur thronte, außenrum rund fünfzig Papp-Hocker, beinahe alle besetzt.

Auftritt: Der querköpfige Dichter und Denker, an seiner Seite der Herr der Maschinen und Knöpfchendrücker. „Es geht hier nicht um Schnecken“, stellt Robert Gwisdek klar, „wir dachten nur, dann kommen mehr Leute hierher. Schnecken ziehen immer.“ Immerhin können die ihr eigenes Haus tragen. Und die Ideen, die einem beim Anblick von Weinbergschnecken in den Reben kommen, sind meistens gut – so auch das Konzept der Lesung.

Die Stunde Kreislesung flog nur so dahin, ein Geräusch- und Gedankenkarussell, das sich mal irrwitzig schnell, mal gemütlich langsam drehte. Heiner Müllers gruselige Erzählung von Herakles und der Hydra war spannender als jeder Spielfilm, Auszüge aus Robert Gwisdeks Buch „Der unsichtbare Apfel“ walkten das Gehirn einmal kräftig durch. Dazwischen: Gedichte über den Mond und die Sprache, über Liebe und Oliven, philosophische Exkurse, aufrüttelnde Hip-Hop-Einlagen und Klangreisen. Jorge Luis Borges fand seinen Platz neben dem Pinocchio-Paradoxon und Erich Kästner. Die Sprachspielereien und Klangausflüge wurden plötzlich so real und so greifbar, dass aus dem Kreis, ein paar Quadratmeter groß, ein unendlicher Raum wurde. Sprache und Musik zerstörten Grenzen, dekonstruierten Wände, bauten andere Welten auf.

Und das Publikum – von ganz jung bis ganz alt – ließ sich den Kopf verdrehen, sich mitreißen, es wurde viel gelacht, mitgewippt, geträumt und fantasiert. Man war nicht nur als Zuhörer oder -schauer dabei – es war, wie mittendrin zu sein, in der Geschichte, im Klang.

Fotos: Ⓒ Nils Vieten

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