Anfangen und immer wieder Anfangen


Gedanken auf dem Weg in die 10. PODIUM Saison

Auszug aus der Weihnachtsausgabe unseres PODIUM Magazins, das hier herunter geladen werden kann. 

Nicht alles, was zum Klischee verkommen ist und auf Wandtatoos steht, ist unwahr, nur weil es peinlich geworden ist, es noch einmal zu sagen. Unendlich wiederholt, verkitscht und oft auch instrumentalisiert: so wurden aus wichtigen Wahrheiten suspekte Binsenweisheiten – ausgenommen, ausgespült und aufgedunsen in der neoliberalen, selbstoptimierenden Antriebsmaschine, in der wir noch immer stecken. So ist es auch mit Hermann Hesses berühmtem Ausspruch, das „jedem Anfang ein Zauber“ innewohnt. Es ist ein wahrer, schöner Satz und trotzdem so schwer, in unserer heutigen, durchironisierten Zeit daran zu glauben. Es helfen hier nur Erfahrungen. Und wenn wir auf unserer Erfahrung mit PODIUM Esslingen seit dem Jahr 2009 zurück blicken, dann waren es eben immer wieder diese Anfänge, die uns antrieben: die nächste, oft unrealistische Projekt- und Programmidee, diese Euphorie der Ignoranz, die mit dem Anfang immer einhergeht.

So wie die literarischen Zitate nichts dafür können, dass sie zu Poesiealbum-Inhalten und Wand-Dekor wurden, so kann auch die sogenannte „klassische Musik“ nichts dafür, dass sie oft so stiefmütterlich, so harmlos und domestiziert präsentiert wird. Diese Musik fand bekanntlich lange in einem bürgerlichen und zwar gehemmten, aber durchaus wertschätzenden, kundigen Kontext statt. Dieses bildungsbürgerliche Milieu aber – das legen viele Studien nah – löst sich mit jüngeren Generationen in anderen Differenzierungen auf. Wir „Millenials“ oder „Generation Y“, die wir in den postmodernen neunziger Jahren aufgewachsen sind, wurden geprägt von der alles überschattenden Ironie, die etwas wohltuend Anästhetisches hatte. „Cool sein“ war die große Maxime. Wie passt das zusammen mit der klassischen Musik im Allgemeinen, und Schumanns „Dichterliebe“ oder Schostakowitschs Streichquartetten oder selbst Bachs Partiten im Speziellen? Es passt überhaupt nicht zusammen, denn diese Musik ist alles andere als cool – sie ist extrem „hot“. Sie will etwas und meint etwas, erzählt vom Menschen, bezieht emotional Stellung. Wir haben es fast vergessen: es gibt große Kunst, die ganz unironisch ist. Wir bewegen uns – glaube ich – in eine neue Epoche hinein, nennen wir sie vielleicht „neo-romantisch“. Wir sind möglicherweise schon sehr tief drin. Dieser Zeitgeist ist oft furchtbar kitschig, und politisch brandgefährlich, aber es darf jedenfalls wieder gefühlt werden: und viel Gutes, Wichtiges und Großes wurde aus Empfindungen gemacht.

Jedes Konzert ein neuer Anfang

So bedeutet unser Schlachtruf Musik wie sie will für uns auch immer, dass wir dieser emotionalen Dimension der Musik dienen, ihr Raum und Entfaltung geben wollen. Und auch dann, wenn die Musik uns anstrengt und anschreit oder einfach nur fremd ist. Diesem Anspruch von Musik wie sie will gerecht zu werden ist freilich fast unmöglich. Denn wer weiß schon wirklich, was wir da spielen, wenn wir Beethoven, Schubert oder Cage spielen? Wir können uns nicht in die gedankliche, weltanschauliche und emotionale Landschaft dieser Zeiten und Künstler zurückversetzen. Schon die kleine Nachtmusik zu „vestehen“ ist unmöglich. Wir betreten mit jedem Werk ein fremdes Land. Und so ist das Konzert an sich auch nur eine Interpretation, so wie die Musik selbst von unseren Musiker*innen und dann wiederum von unseren Hörer*innen decodiert wird. Wir wollen Konzerte als Musikräume schaffen, in denen das „große Ganze“, aus dem heraus Kunst entsteht, emotional erlebbar und nicht nur „ausgestellt“ wird. Dafür gibt es keine Schablonen, keine Standardformate, keine Abkürzungen. Man muss immer, mit jedem einzelnen Konzert, neu mit dem Denken anfangen. Aber es ist dieses tabula rasa, dem – siehe oben – so viel Zauber inne wohnt.

Möglichkeitssinn trumpft Realitätssinn

Die große Freude, dass diese auf den Ort und das Programm zugeschnittenen Musikerlebnisse in Esslingen auf so offene Ohren und Herzen stießen hat uns seit der Gründung im Jahre 2009 immer wieder zum Weitermachen und Wachsen angespornt, trotz der großen Mühen, die mit dieser Arbeitsweise einhergingen. Jahrelang verdienten Musiker*innen und Team damit so gut wie kein Geld – es war ein identitätsstiftendes Herzensprojekt für alle Beteiligten. In diesem utopischen Raum hat der Möglichkeitssinn immer den Realitätssinn getrumpft. Ein zutiefst romantisches Projekt also, das sich natürlich nur halten kann, wenn es sich mit der Zeit neu erfindet. Und so musste PODIUM sich wandeln, gewissermaßen den eigenen Gründungsmythos überwinden, wenn es nicht irgendwann zu einem Museum seiner eigenen Idee und lediglich ein eskapistisches Freizeitprojekt frustrierter Nachwuchsmusiker*innen werden sollte.

Eine Plattform sollte entstehen, auf der dieser Wandel, dieses hoffentlich immerwährende Neudenken, auch dieser junge Spirit, sich nachhaltig entfalten kann. Auch hier schon Widersprüche: nichts ist weniger nachhaltig als Jugend. Der Wandel, der ständige Neuanfang lässt sich fast definitionsgemäß nicht institutionalisieren. Aber auch der naive Umgang mit der Unmöglichkeit gehört zum romantischen Ideal unserer Sache. Man muss sich Sisyphos als glücklichen Romantiker vorstellen, um wirklich zu verstehen, warum wir uns so oft das Leben schwer machen. Es folgte 2013 die Gründung der PODIUM Musikstiftung mit vielen fantastischen Menschen – an vorderster Front Brigitte Russ-Scherer und Lothar Kuhn, sowie Manfred Kessler, Curt Michael Stoll und Jürgen Zieger – die die Unwahrscheinlichkeit einer gänzlich neuen Kulturinstitution mit uns teilen wollten. Es ist unvorstellbar, wie viel Engagement von alt und jung sich bei PODIUM Esslingen – so heißt seitdem diese unsere Plattform – verwirklicht hat.

Die Stiftung und Plattform PODIUM Esslingen

Wenn man also jedes Jahr ein Festival veranstaltet, wo ist da die „Plattform“? Zum einen ist es die beschriebene, beständige Neuerfindung dessen, was ein Konzert (ein „klassisches“ zumal) denn überhaupt ist. Alle Parameter – Raum, Zeit, Körperlichkeit, Sozialästhetik, Akustik, Synästhesie, etc. – werden hier gestaltet. Dieses sogenannte Konzertdesign ist gewissermaßen das Kerngeschäft von PODIUM Esslingen. Um sich nicht darauf auszuruhen, sind mehrere komplett neue Sparten entstanden. Zum einen mit PODIUM.Education ein Programmbereich, in dem wir einen eigenen PODIUM-Ansatz im Bildungsbereich suchen. Seit 2016 wurde mit dem Video-Format „The PODIUM Sessions“ und dem Start des virtuellen Musikkurators Henry (mit eigener Smartphone-App) die neue Sparte PODIUM.Digital etabliert, die plötzlich ganz neue Chancen, Wachstumsmöglichkeiten und Herausforderungen mit sich brachte. So wurde aus einem kleinen Festival jedes Frühjahr am Neckar eine überregionale 360-Grad Plattform für verschiedenste Ideen, Experimente und Produktionen im Bereich klassischer und zeitgenössischer Musik. Allein aufgrund der Komplexität dieser immer unterschiedlichen Formate und Inhalte – aber auch weil es sonst kaum einen Existenzgrund für PODIUM Esslingen gibt! – sind wir bei PODIUM Esslingen gezwungen, unsere Arbeit, und was eine Musikinstitution im 21. Jahrhundert überhaupt ist, ständig in Frage zu stellen. Da hat der Veränderungsmuskel schon auch manchmal Muskelkater.

Innovationsschub durch #bebeethoven

Auch Ludwig van Beethoven war ein notorischer Neu-Anfänger. Jede Sinfonie ist einzigartig, seine oft wütend beackerten Partituren zeugen vom Ringen um seine damals völlig neuartigen Kompositionsideen. Der gute alte Beethoven verschafft nun auch uns einen ordentlichen Innovationsschub: 2018 startet das groß angelegte Fellowship-Programm #bebeethoven, in dem anlässlich des Beethoven-Jubiläums 2020 zwölf herausragende Künstler*innen neue musikalische Ansätze entwickeln und in einem Partner- und Produktionsnetzwerk erproben. Von gänzlich neuen Interpretationsansätzen über den künstlerischen Umgang mit Künstlicher Intelligenz bis hin zu multimedialen Kompositionsformen soll dieses umfangreiche Projekt PODIUM Esslingen als Zentrum für Innovation im Musikbereich stärken. Dabei ist uns nicht nur das künstlerische Werk wichtig, sondern vor allem die Lernkurve aller Beteiligten. Überhaupt: müsste ich eine wichtigste Kennzahl bei der Bewertung unserer Arbeit nennen, so wäre es die erste Ableitung, der Steigungsgrad in jedem Moment, das f'(x). Denn wenn die Lernkurve bei uns allen steil ist, dann können wir davon ausgehen, dass es gut sein wird und sich jeder neue Anfang lohnt. Sisyphos hat es schwer, weil es steil ist.

Mit dem Projekt #bebeethoven stellen wir uns die Frage, was das Radikale im 21. Jahrhundert sein könnte. Der Dalai Lama hat für sich die Frage so beantwortet: compassion is the radicalism of our time. Da ist viel dran. Es ist leicht und mainstream geworden, mit distanzierter Ironie und Professionalität Kunst zu machen. Auch coole Cleverness, sogar konzeptionelle Brillianz haut heute, nachdem beinahe alles schon einmal postmodern dekonstruiert wurde, kaum mehr vom Hocker. Was uns heute radikal vorkommt, ist wirkliche Ehrlichkeit, Begeisterung, Fragilität, irgend ein (Mit-)Gefühl, das nicht vorgetäuscht oder werblich instrumentalisiert oder verkitscht ist. Natürlich immer gepaart mit größtem Können und künstlerischer Virtuosität. Das kann man lernen, aber Liebe in Zeiten der Ironie – die Wiederverzauberung der Welt! – erscheint unendlich schwer. Es hilft, wenn man weiß, weshalb und für wen Kunst gemacht wird. In unserem Fall ist das einfach: es ist unsere sensationell offene Zuhörerschaft – in Konzerten, in Apps oder wo und wie auch immer jetzt und zukünftig Musik gehört wird. Wir werden immer wieder neu den Anfang versuchen, die Magie der Musik einzufangen – so gut, so überraschend und frei, und so herzlich wir können.

Auszug aus der Weihnachtsausgabe unseres PODIUM Magazins, das hier herunter geladen werden kann. 

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