Bullshit


Ein Problem

Bullshit ist ein Phänomen. Er ist im Sprachgebrauch sehr präsent, als Vorwurf oft in der Luft, überhaupt hat man das Gefühl, davon umgeben und geradezu infiltriert zu sein. Doch was ist Bullshit eigentlich genau? Auch Wikipedia tut sich mit der Begriffsdefinition offenbar nicht ganz leicht:

„Das vulgäre Wort Bullshit (wörtlich: „Bullenscheiße“) bezeichnet in der englischen Umgangssprache eine bestimmte Art von Gerede, das im Gestus oft prätentiös, inhaltlich aber leer ist. Am treffendsten lässt der Ausdruck sich mit dem neudeutschen Wort „Hohlsprech“ übersetzen, eingeschränkt auch mit Salbadern. Verwandten Wörtern wie Humbug, Unsinn, Blödsinn, Schwachsinn und Mumpitz fehlt im Deutschen die Konnotation des Anmaßenden. Auch der Ausdruck Geschwurbel weist in diese Richtung, hat aber eine zusätzliche Konnotation von Unverständlichkeit, die dem Begriff Bullshit nicht zu eigen ist.“

Bullshit ist offenbar so interessant, dass der emeritierte Philosophieprofessor Harry G. Frankfurt von der US-Eliteuniversität Princeton darüber ein Traktat verfasste. Seinen Bullshit-Begriff will ich hier kurz auf die Kultur übertragen – denn ich glaube, dass wir alle eine Bullshit-Kur gut vertragen können.

Frankfurt interessiert sich insbesondere für denjenigen Bullshit, der im öffentlichen Leben zum Beispiel in Werbung, Vermittlung oder Öffentlichkeitsarbeit sichtbar wird. Den häuslichen Alltagsbullshit lasse ich also auch mal außen vor.

Bullshit wird laut Frankfurt unvermeidlich immer dann hervorgebracht, „wenn Menschen gezwungen werden oder auch nur Gelegenheit erhalten, über Dinge zu sprechen, von denen sie nicht genug verstehen“. Kommt euch das bekannt vor? Heute schon gebullshittet? Das Kunst- und Kulturgeschäft ist hier besonders gefährdet: denn Kunst ist einzigartig komplex und schwer bis unmöglich präzise in Worte zu fassen – und daher extrem anfällig für anmaßendes Geschwurbel.

Dabei ist meines Erachtens zwischen dem Künstlerbullshit und Publikumsbullshit zu unterscheiden. Künstlerbullshit ist eher heiße Luft, die das eigene Werk und somit den Bullshitter selbst irgendwie interessanter machen soll. Dies sollte intern streng sanktioniert werden – denn eben dieses leere Gerede macht uns in der Wahrnehmung arrogant und elitär. Der Publikumsbullshit quillt häufig dann hervor, wenn Rezipienten versuchen (oder dazu genötigt werden), ihre künstlerische Erfahrung in Worte zu fassen. Der Publikumsbullshit speist sich aus dem gefühlten, wohl bildungsbürgerlich geprägten Zwang, zu allem eine „interessante Meinung“ haben zu müssen. Dann gibt es freilich noch den kulturinstitutionellen Bullshit, den man – verzeiht mir die Polemik – bisweilen sogar in einer Abteilung gebündelt hat: die Dramaturgie. Der gute, vorbereitete Dramaturg versteht es, eben nicht in Bullshit zu verfallen. Zu oft aber sollen in Programmtexte, Werbung, Anträgen etc. ein überaus künstlerisch-durchdachter Eindruck erweckt werden, obwohl unausgereifte künstlerische Konzepte oder schlicht die Unwissenheit darüber, wie sich ein künstlerischer Prozess entwickeln wird, dies unmöglich machen. Da kann der Dramaturg oft gar nicht anders als bullshitten. Ich bin da selbst mit Inbrunst dabei. Hier wäre aber etwas mehr Mut zum Understatement oder zum Offenlassen oder auch einfach zum „Ich-weiß-es-nicht!“ angebracht. Aber Eine gesellschaftsspiegelnde Performance über Schwebezustände im interkulturellen und transdisziplinären Kontext ist auf jeden Fall: Bullshit.

Prof. Frankfurt unterscheidet streng zwischen dem Bullshitter und dem Lügner: „Bullshit ist eine dritte Kategorie neben Wahrheit und Lüge. Wer lügt, muss sich festlegen. Mit Bullshit vermeidet der Sprecher eine klare Aussage und täuscht trotzdem Kompetenz vor.“ Eine Lüge sei außerdem „so scharf fokussiert, die Anforderungen der Lüge sind so streng, dass der Lügner, wenn er erfolgreich sein will, sein Handwerk sehr präzise ausüben muss“. Der Bullshitter dagegen habe großen „Raum für Fantasie und Improvisation; verglichen mit dem Lügner ist er quasi ein Künstler“. Gerade das Kunstvoll-Mysteriöse, das den begnadeten Bullshitter umgibt, macht ihn in unserem Bereich so beliebt und erfolgreich. Welcher Intendant muss sich nicht weitgehend durch seinen Tag heucheln? Es ist in der Kultur verdammt schwer – und ich spreche aus Erfahrung – eine Institution zu vertreten und dabei nicht auf ein lang bearbeitetes Bullshit-Arsenal zurückzugreifen. Es täte jedoch unserer Szene und insgesamt auch der „Street-Credibility“ unseres Schaffens sehr gut, könnten wir uns mehr dafür sensibilisieren. Denn gerade jüngere Generationen, aufgewachsen mit und umgeben von einem permanentem Marketing- und PR-Grundrauschen, haben einen zunehmend fein justierten Bullshit-Detektor. Wenn Bullshit, dann muss er immer besser, immer subtiler werden. Schlechter Bullshit, wie landläufig in Kulturinstitutionen fabriziert, hat keine Zukunft.

Man müsste nach authentischen, wahrhaftigen Kommunikationsweisen suchen, die unsere Erlebnisversprechen ehrlich kommunizieren. Andererseits ist es natürlich extrem schwer, ein anzukündigendes und natürlich auch zu verkaufendes Musikereignis bullshitfrei an den Mann zu bringen. Wo hört Neugierig-machen auf und wo fängt Bullshit an? Das ist vielleicht die wichtigste Frage der heutigen Zeit an die Kulturkommunikation. Denn es spricht natürlich nichts gegen selbstbewusste, lautstarke Kommunikation – sie darf nur bloß nicht dem üblichen Dramaturgie- bzw. Innovationsjargon verfallen und muss stets einem strengen Bullshit-Test standhalten.

Frankfurt findet, dass Bullshit insgesamt gesellschaftlich zersetzender ist als die Lüge. Denn der Bullshitter arbeite weder für noch gegen die Wahrheit: er hat schlicht kein Interesse daran, in Frankfurts Worten: „he has no respect or concern for the truth“. Er operiert gewissermaßen im normfreien Raum seines Bullshits, während der Lügner sich immerhin mit seiner Lüge auf die Wahrheit beziehen müsse. Auch ist der Bullshitter viel schwerer zu ertappen – die Entlarvungsmechanismen sind komplizierter als beim Lügner. Weil es in Kunst und Kultur oft nicht möglich ist, von klaren Wahrheiten auszugehen, gedeiht hier eine besondere Form des Kulturbullshits. Er zeichnet sich durch besondere Anmaßungen („Dieses Werk ist ein Prisma der ganzen Welt!“) aus, ist emotional überdreht („Eine herzzereißende Inszenierung“) und zuweilen – dies eine weitere Sonderform des Bullshits – von einem stark ausgestellten Expertentum geprägt.

Bullshit kommt in vielen Formen und Gewändern und Gestaltungstiefen – er ist also oft schwer greifbar. Neben grobem, gepfuschtem Bullshit gibt es erstens auch raffiniert ausgetüftelten Bullshit, etwa in Werbung und PR, wo Experten sich heute hochentwickelte Techniken aus Psychologie, Meinungs- und Marktforschung zunutze machen. Zweitens gibt es nicht nur hingeschlampten vagen, nebulösen Bullshit, sondern auch solchen, der übertrieben detailliert, konkret und spezifisch ist.

Es bleibt also die große Aufgabe unserer Generation, dem Bullshit den Kampf anzusagen. Vielleicht kann ja PODIUM anfangen und eine wirklich Bullshit-freie Institution werden. Dies wird schwer und – das kann man hier ja offen zugegeben – es gäbe viel aufzuräumen. Man könnte aber auch mal einfach bei sich selbst anfangen und murmeln: sorry, aber dazu hab ich nichts zu sagen, dazu sag ich jetzt auch nichts. Und vielleicht fang ich mit dem Aufhören an, indem ich – statt wirksamer Bullshit-Schlusspointe – kurzerhand auch mal mitten im Satz

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