Codewort: Magnus


Mit Codewort: Magnus betritt PODIUM gleich mehrfach Neuland. Ausgehend vom digitalen Singspiel Opus Magnus – einer Produktion für die PODIUM-App HENRY – wurde ein interaktives Theater-Game erschaffen, in dem das Publikum selbst zum Handlungs-Akteur wird. Die Besucher*innen werden in die Lage investigativer Journalist*innen versetzt, die einer zwielichtigen Offshore-Firma auf der Spur sind. Schauplatz der Inszenierung ist das Alte Zollamt, was zu diesem Zweck nach langer Zeit der Öffentlichkeit wieder zugänglich gemacht wird. Wir haben mit dem Codewort: Magnus – Regisseur Jeffrey Döring über immersives Theater, spielendes Publikum und forschende Regisseure gesprochen.

Ein Interview von Sophie Wasserscheid mit Jeffrey Döring

Was kann ich mir als Zuschauer unter dem etwas nebulösen Begriff Theater-Game vorstellen?
Es ist so, dass die Zuschauer zu Akteuren werden. Anders als man das vom Theater kennt, schaut man nicht nur zu, sondern wird selbst zum Spieler – nicht nur zum Schau- spieler, sondern zum Spieler im eigentlichen Sinn. Wir erschaffen im Alten Zollamt eine fiktionale Welt, durch die man sich selbst seinen Weg bahnt. Das Spielen selbst ist das ästhetische Erlebnis, nicht nur das Zuschauen. So wird man zum Avatar dieses Spiels.

Das Stück basiert auf dem Singspiel Opus Magnus des Komponisten Manuel Durão, das in drei Episoden in der HENRY-App erschienen ist. Was hat dich dazu bewegt, ausgerechnet diesen Stoff interaktiv umzusetzen?

Was mich interessiert an dem, was Manuel Durão und der Librettist Daniel Schmidt geschaffen haben, war eine Welt, in der die Menschen in ihrer Handlungsfähigkeit eingeschränkt sind. Die weibliche Hauptfigur Yolanda beispielsweise ist eine Firmenchefin, die erstmal nicht weiß, dass sie Firmenchefin ist, als Reinigungskraft angestellt ist und auch von ihrem Mann misshandelt wird. Sie fügt sich der Hierarchie ohne Widerwillen und fühlt sich nicht mal als Opfer ihre Handlungsfähigkeit, ist aber sehr eingeschränkt. Meine ersten Gedanken dazu waren, was Agency, also Handlungsmacht, für den Einzelnen bedeutet. Was heißt es, sich selbst zu ermächtigen? Ich fand dabei besonders spannend, zu fragen, wie sich auch Zuschauerinnen und Zuschauer in dieser Form von Theaterstück selbst ermächtigen können.

Was ist das Besondere an solchen interaktiven Inszenierungsformen des Theaters?
Was ich wirklich sehr schätze ist, dass man sich im Theater-Game als Gruppe begreift. Man ist nicht nur eine anonyme Masse im Dunkeln, sondern ist im Moment der Aufführung darauf angewiesen, miteinander zu spielen. Dadurch wird die Gemeinschaft, die in jedem Theater oder Konzert entsteht, noch stärker empfunden. Die Menschen empfinden sich als soziale Wesen. Das ist zumindest das, was ich mir davon erhoffe.

Ist das aus deiner Sicht ein Vorteil gegenüber traditionellen Theaterformen?
Ich würde grundsätzlich gar nicht sagen, dass man immer mitmachen, immer agieren muss. Ich habe auch Projekte, die mehr installativ sind, wo man beispielsweise nur von Raum zu Raum geht. Aber, was ich mich oft frage, ist: Wer ist der Zuschauer in dem Theaterstück? Das stellen sich Klassische Formate oft nicht so. Da ist zwar selbstverständlich, dass da Leute sitzen, aber man tut so, als wären die nicht da. Und ich finde, dass es das größte Geschenk und das Besondere ist, dass sich da Leute aus irgendeinem Grund versammeln. Und man erstmal davon ausgehen kann, dass es ein Interesse fürs Thema gibt. Da in eine Form von Dialog treten zu können – und das muss nicht immer sprachlich sein – das ist etwas, mit dem ich sehr gerne experimentiere und forsche.

Wenn man als Publikum so stark in das Geschehen involviert wird – löst das bei manchen nicht auch Berührungsängste aus?
Klar, es gibt natürlich Leute, die die klassischen Mitmach-Formate kennen, wo man auf die Bühne geholt wird und etwas machen muss, was man nicht kennt. Das sind dann auch die Momente, wo sogar ich als Zuschauer Angst bekomme, weil man dann ausgestellt wird. Ich glaube aber, dass das bei Theater-Games schon sehr anders ist. Die sind eigentlich der Bildenden Kunst näher, weil man eher mit den Gegenständen interagiert und nur in ganz wenigen Momenten mit dem Performer, der eher Hilfestellung dafür ist, dass mit den Gegenständen gespielt werden kann. Beim Mitmach-Theater ist es so, dass du auf die Bühne geholt wirst und alle dich anschauen. Beim Theater-Game sind alle aktiv, es gibt niemanden, der dich dabei nur beobachtet, wie du spielst. Das ist schon anders, aber das kann man nur im Erleben herausfinden, das lässt sich schlecht erklären.

Der Themenkomplex rund um Datensicherheit, Briefkasten-Firmen und Panama-Papers ist sehr aktuell und viel diskutiert. Geht es dir in deiner Inszenierung auch um einen aufklärerischen Ansatz?
Didaktisch will ich eigentlich nicht sein. Ich hoffe eigentlich zunächst einen sinnlichen Zugang zu Themen zu schaffen. Besonders zu Themen, die uns zunächst sehr abstrakt erscheinen. Das Konstrukt der Off-Shore Firma muss ich ja erstmal durchsteigen. Ich hoffe, dass man sich das gerade durch so ein Spiel erschließen kann und erstmal die Grundstruktur versteht, weil man für einen kurzen Moment selbst drin steckt. Was ich mir also wünschen würde wäre, dass das Thema eigentlich viel heißer diskutiert wird. Ich würde mir wünschen, dass man sich die Angst davor nimmt, sich mit solchen Themen auseinander zu setzen. Ich komme aus einer typischen Handwerker-Familie und meine Eltern sind in gewisser Weise meine Gegenfolie. Wenn ich das denen am Telefon erkläre, ist es erstmal sehr überfordernd. Wenn ich dann aber ein konkretes menschliches Einzelschicksal erklären kann, können sie dazu einen viel stärkeren Bezug herstellen. Allein vor Begrifflichkeiten wie „Off-Shore“ gibt es eine große Scheu, da kommt oft die Reaktion: „Dafür bin ich nicht genug wirtschaftlich bewandert. Das versteh ich nicht. Da komm ich nicht ran!“ Dann kann man sich davon aber auch nicht emanzipieren, dann kann man sich nicht empören, wen man sich nicht informieren will.

Codewort: Magnus ist deine erste Regiearbeit beim PODIUM. Welche Erwartungen hast du daran?
Ich kenne das PODIUM Festival bisher nur als Zuschauer und fand es da sehr aufregend, dass da auch über Formate der Partizipation und der Verräumlichung nachgedacht wurde. Ich bin sehr gespannt, ob das klassische PODIUM-Publikum sich auf dieses Experiment einlassen kann und will. Und ich bin gespannt auf das Feedback, da es kein Konzert, keine klassische Opern-Inszenierung ist, sondern schon etwas sehr Besonderes.

Wir freuen uns drauf!
 Danke fürs Gespräch!

Codewort: Magnus feiert am 6. Mai um 16 Uhr im Alten Zollamt Esslingen Premiere.
Weitere Termine sind: 6. Mai / 18 Uhr sowie 7. Mai / 15 Uhr & 17 Uhr.

 

Hinterlassen sie einen Kommentar

Schließen
Schließen