Das Unbekannte


In diesem Jahr erfolgen die Konzertankündigungen des PODIUM Festivals erstmals nicht mit einer vollständigen Auflistung der gespielten Werke, sondern nur mit kurzen inhaltlich beschreibenden Texten. Lisa Unterberg hat sich ein paar Gedanken über das Unbekannte gemacht:

In der Tretjakow-Galerie in Moskau hängt ein Gemälde des russischen Malers Iwan Nikolajewitsch Kramskoi. Es trägt den Titel „Die Unbekannte“ und zeigt eine junge Frau in einer Kutsche. Dunkel und mondän gekleidet sitzt sie entspannt angelehnt da und fährt durch das winterliche St. Petersburg. Das Faszinierende an dem Bild ist der Blick der jungen Dame. Mit nur halb geöffneten Augen schaut sie den Bildbetrachter unvermittelt an und schafft auf diese Weise eine persönliche, fast intime Verbindung zum Betrachter. Vom Moment dieses Blickwechsels an ist sie nicht mehr irgendjemand auf den vollen Straßen St. Petersburgs. Sie ist DIE Unbekannte.

"Die Unbekannte" Kramskoy_Portrait_of_a_Woman

Ivan Nikolaevich Kramskoi, „Die Unbekannte“, 1885, Öl auf Leinwand, Moskau, Tretjakow Galerie

Es ist das Fehlen an Informationen, das uns herausfordert. Würde der Maler ihre Geschichte ganz kennen, wissen, aus welchen ärmlichen Verhältnissen sie sich möglicherweise in höhere Kreise eingeheiratet hätte, oder aber wie sehr sie in ihrem reichen Elternhaus verzogen wurde, ihr Blick wäre ein anderer. Es ist das Geheimnis, das den ungeheuren Sog des Bildes ausmacht und das in dem Betrachter das Bedürfnis aufkommen lässt, den freien Platz in der Kutsche einzunehmen und der Unbekannten zu folgen.

Das Schönste und Tiefste, was der Mensch erleben kann, ist das Gefühl des Geheimnisvollen“, fasst Albert Einstein das Erleben des Betrachters zusammen. Es ist der zu lange Blick, es sind die paar Informationen, die wir zwar haben, die aber lange nicht ausreichen, um uns ein vollständiges Bild zu machen: sie ermöglichen unserer Fantasie den Spaziergang hinter das bereits Bekannte oder Erwartbare.

Im Sinne dieses intensiven, herausfordernden Blickes wollen wir unsere Konzertankündigungen in diesem Jahr verstehen. Natürlich birgt das Risiken. Für die Macher, aber auch für die Zuhörer. Aber es eröffnet auch ungeahnte Möglichkeiten. Lassen Sie Ihre Gedanken spazieren gehen anhand der Informationen, die sie von uns bekommen: welche persönlichen Assoziationen haben Sie bei den Beschreibungen? Welche Musik würden Sie in einem solchen Programm spielen? Was würde gar nicht passen?

Das Ende des Spaziergangs ist ein Platz in unseren Konzerten, mit einem Programm, das sie so wahrscheinlich nicht erwartet haben. Das PODIUM Festival steht für erstklassige musikalische Qualität und unvergessliche Konzertmomente.

Wir freuen uns schon darauf, Ihre Ideen und Gedanken, Assoziationen und Gefühle zu hören und kommen darüber gerne mit Ihnen ins Gespräch.

Ein Beitrag von Lisa Unterberg

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