Die Schneeflockenfabrik


Manchmal legt sich in diesen Tagen eine einzelne Schneeflocke auf den Ärmel und bleibt dort unbeeindruckt liegen. Wenn man genügend Glück hat besteht diese Flocke dann aus nur wenigen Schneekristallen, die sich vereint haben für das letzte bisschen freien Fall. Man erahnt die Struktur des Kristalls, sieht die schlanken Schenkel, die filigran gezackten Äste und die fantastische Symmetrie dahinter. Und wer jetzt noch genügend Zeit und Muße mitbringt, versucht diesen Ausdruck höchster Schöpfungskraft als Bild unter dem Fotoapparat oder Mikroskop festzuhalten. Es gibt so ein paar Nerds auf der Welt, und einer davon ist Kenneth G. Libbrecht, Professor an der Caltech University, der genau dies in seiner Freizeit tut. Schneeflocken fotografieren. Und er ist auch einer derjenigen, die gegen einen tief in uns verankerten Mythos ankämpfen. Ein Mythos den wir vielleicht uns auch ein bisschen so zurechtdenken wollen weil die Wahrheit wie so vieles uns ein bisschen erschüttert: Das Weihnachtskartenmotiv, die perfekte, symmetrische Schneeflocke, die in Trilliarden von Klonen vom Himmel segelt und für uns die vollendete natürlich-geometrische Schönheit darstellt – ist meist ein asymmetrisches, teils amputiertes Gebilde, immer einzigartig in seiner Gestalt und unvorhersehbar in seiner Form. Kein Schneekristall ist dem anderen gleich, symmetrisch ist eher die Ausnahme, und perfekt und DIN genormt ist sowieso gar nichts. Aber irgendwie doch schön. Und schon recht perfekt.

snowflake

Vielleicht sollten wir vorher erst einmal einen Schritt zurückgehen und schauen, wie ein solcher Kristall entsteht und wer daran mitschmiedet. Schnee ist direkt von Wasserdampf ausgefallenes Eis, ohne den Zwischenschritt der flüssigen Phase. Die H2O Moleküle habe eine gewisse Anordnung im Raum, und diese spiegelt sich auch im Großen in der hexagonalen, also sechseckigen Grundstruktur der Schneekristallbasis wieder. Es entsteht ein Gebilde mit sechs Ecken, die langsam in Richtung Erde taumelt. Dabei kommen Temperaturwechsel, Änderungen der Luftfeuchtigkeit, Wolkenfelder, Winde und allerlei andere Einflüsse herbei, die das Wachstum und damit die Schenkel und Ärmchen des Kristalls bestimmen. Prinzipiell geschieht dieses Anwachsen der Fortsätze synchron und erzeugt ein symmetrisches Aussehen. Aber im Kleinen gibt es doch Unterschiede. Insbesondere aber nimmt jeder Kristall einen etwas anderen Weg zur Erde. Kleinste räumliche und zeitliche Variablen führen dazu, dass jeder letztendlich ein nicht-vorhersehbares Aussehen erlangt. Gleiche Grundvoraussetzung – anderes Outcome. Ein wahrer Deterministenschreck.

 

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Wenn man also ehrlich ist, gibt es in der Welt der Schneeflocken neben Ordnung auch viel Chaos. Und wenn man noch ehrlicher ist, reagiert in weiten Teilen der Natur ein ordentliches Chaos. Wie in komplexen Systemen aus dem Tohuwabohu scheinbare Ordnung entstehen kann, und wie sich in einer unvorhersagbaren Welt doch immer wieder gleiche Muster herausbilden – das ist Gegenstand der Chaosforschung. Genauer, untersucht man die Ordnung in unvorhersehbar erscheinenden, dynamischen Systemen, obwohl die zugrundeliegenden Gleichungen deterministisch sind. In solchen Systemen können ganz leicht verschiedene Wiederholungen eines Experiments im Langzeitverhalten zu höchst unterschiedlichen Messergebnissen führen (2). Auf die Spitze getrieben bedeutet dies, dass schon ein Flügelschlag eines Schmetterlings tausende Kilometer entfernt die Wetterlage beeinflussen könnte. Diese Metapher des „Schmetterlingseffekt“ kommt immer zur Sprache wenn von Chaosforschung die Rede ist, und vielleicht eine etwas simple Darstellung wenn es um ein solch komplexes mathematisches Forschungsfeld geht (3). Nichtsdestotrotz berühren uns Phänomene dieser Art ständig und überall.

Komponisten hassen traditionell das Chaos. Schon allein Begriffe wie „Komponieren“, „Setzen“, „Engführen“ und „Fugieren“ setzen voraus, dass es einen genauen Masterplan gibt, jeder Schritt hochgradig selbstbestimmt ist und zu jedem Pol ein Gegenpol existiert, zu jeder Wirkung eine Ursache. Man könnte fast meinen, dass nur geordnete Dinge wahre Schönheit repräsentieren können. Die Sonnenblume. Oder die Feder. Oder eine Fuge von Bach. Aber eigentlich funktioniert die Natur nicht so: Weder die schöne noch die hässliche Natur fügt sich genau festgelegten Gestaltungen. Sondern es existiert wohl eher ein Grundset von Regeln, die unterschiedlichste Entwicklungen zulassen. Die Zelle produziert eine Maschinerie von Proteinen. Unterschiedliche Zellen produzieren unterschiedliche Sets von Proteinen. Aber wann und wo und wie das getan wird, beruht auf einem hochgradig randomisierten Muster.

Die spannende Idee, ein solches Basisregelwerk zu kreieren, welches dann ein unvorhersehbares Gesamtwerk schafft hat unseren langjährigen Festivalmusiker, der norwegischen Pianisten Mathias Halvorsen gepackt. Mit seinem Werk „The Square“ (PODIUM Festival 2014) hat Halvorsen erste Schritte in diese Richtung gewagt; dieses Jahr plant er deutlich Größeres. Ein Werk, das sich über einen ganzen Abend in einem ganzen Gebäude abspielen soll. Sieben Musiker mit unterschiedlichen Instrumenten, ein Regelwerk, teils einfach und teils komplex und eine intensive Interaktion mit den Zuhörern. Kein musikalisches Experiment, sondern eher ein Konzert, das in seiner Einzigartigkeit nicht übertroffen werden kann. Es gibt keinen Grundbauplan, aber es gibt Grundregeln. Aus Regeln entsteht Verhalten, aus Verhalten entsteht Interaktion, die Interaktion schafft Muster, die Muster ergänzen sich zu Themen – und es entsteht etwas niemals Wiederholbares.

Das ist der Anspruch von KHAOS, am 20. April 2016 um 21 Uhr in der Villa Merkel.

(1)http://www.snowcrystals.com
(2)https://de.wikipedia.org/wiki/Chaosforschung
(3)http://www.swr.de/blog/1000antworten/antwort/13222/was-ist-die-chaostheorie/

 

Kartenverkauf

Karten sind an allen Reservix-Vorverkaufsstellen, in der Buchhandlung Stocker & Paulus, der Stadtinformation Esslingen sowie hier online erhältlich.

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