»Es braucht mehr Mut!«


Ein Gespräch mit unserem Künstlerischen Leiter Steven Walter

Wir haben das Thema unseres diesjährigen Konzertwochenendes in Bebenhausen zum Anlass genommen und uns mit unserem Künstlerischen Leiter Steven Walter über Mut unterhalten. Um Mut dreht sich gleichzeitig auch das kommende Kapitel unseres #bebeethoven-Onlinemagazins, das kommende Woche veröffentlicht wird.

Zum Einstieg: Viele klassische Konzerte sind ja höchst standardisiert, braucht es mehr Mut in der Konzertgestaltung?

Ja, es braucht absolut mehr Mut! Aber die Frage ist ja, was bedeutet das? Das, was man als Musiker*in macht – Musik aufführen – ist wahnsinnig anspruchsvoll und schwierig; eine Situation, die Mut erfordert. Spannend wird es, wenn wir uns fragen, wie wir diesen Anspruch an das Musizieren auf das ganze Konzertwesen übertragen können. Also nicht nur in der Interpretation von Musik selbst und dem Bewältigen von Virtuosität Mut zu wagen, sondern auch in der gesamten Konzertgestaltung. Insofern ja: es braucht mehr Mut!

Wann warst Du persönlich das letzte mal mutig?

Ich war das letzte mal mutig …überlegt… gestern Abend, als ich gesagt habe: „Es ist jetzt wichtiger Zeit mit der Familie zu verbringen, anstatt den anstehenden Arbeitsdruck zu bewältigen.“ Ein kleiner Akt, um sich gegen den Automatismus des Alltags zu stellen. Mikromut!

Und was war Deine ultimative Mutprobe?

Ich glaube die Sache mit Mutproben ist die, dass sie immer erst im Nachhinein als solche deklariert werden. Um jetzt etwas rauszugreifen, wäre das mein erster Vorschlag unseres großen Projekts #bebeethoven. Damals saß ich in einer Runde mit lauter bekannten Intendant*innen und es war gewissermaßen mutig das dort so vorzuschlagen und dann auch entsprechend zu verfechten. Damals hatte ich aber mehr das Gefühl, dass es eine Chance gibt, die ich ergreifen kann. Im Moment schien es vor allem notwendig, im Nachhinein lässt es sich dann als mutig beschreiben.

Zum Konzertwochenende in Bebenhausen – was war aus Deiner Sicht die mutigste Programmentscheidung?

Das Interessante an mutigen Entscheidungen, vor allem in der Kunst, ist ja, dass sie deshalb mutig sind, weil sie überraschen. Deswegen nehme ich die mutigste Entscheidung auch nicht vorweg. Aber man wird sie hören! Und manchmal ist es ja auch einfach mutig, sich auf etwas einzulassen, ohne es vorher genau zu kennen.

Gibt es Komponist*innen, die Du nicht mutig findest?

Ich denke die meisten Komponist*innen treffen nicht vordergründig mutige Entscheidungen, sondern tun für sich das Notwendige. Mir gefällt ein Zitat von Ernest Hemingway dazu: „courage is grace under pressure“. Wenn Künstler*innen selbst dann zu dem stehen, was sie als notwendig empfinden, wenn sie unter dem Druck stehen etwas anderes zu tun, oder sich anzupassen, dann ist das mutig. Auch wenn es in dem Moment vielleicht kein expliziter Akt des Mutes ist.

Ist es heute mutig ein*e Musiker*in zu sein?

Das schließt an die vorherige Frage an, weil die Antwort fast dieselbe ist. Ergänzend dazu ist es aber von Außen betrachtet absolut mutig sich mit dem Erzeugen von Musik seinen Lebensinhalt zu verdienen und seine Rolle in der Gesellschaft zu definieren. Aber auch hier kann es gerade dann gelingen, wenn es aus innerer Notwendigkeit entsteht.

Was würde passieren, wenn niemand mehr mutig ist?

Es gibt ja ein Gegenteil von Mut: den Unmut. Unmut bedeutet sich über alles aufzuregen und eigentlich nichts besser machen zu wollen; sich nie wirklich hervorzutun mit etwas Eigenem und sich nur über das Bestehende zu beschweren. Das ist der Unmut und man sieht denke ich, dass sich ein solcher Unmut mehr und mehr breit macht. Dabei ist das sowohl gesellschaftlich als auch künstlerisch extrem destruktiv. Deshalb ist aus meiner Sicht Mut äußerst wichtig für unsere Gesellschaft.

Abschließend: was ist für Dich mutiger: In einem Konzert der Berliner Philharmoniker nackt durch den Konzertsaal zu laufen oder ein Bungee-Sprung?

Auf jeden Fall ersteres. Wenn man einen Bungee-Sprung macht, ist das ja in dem Augenblick genau so vorgesehen. In einem Konzert der Philharmoniker wäre das hingegen ja so eine Art ‚Flitzermoment‘. Und damit ein Missbrauch der Situation, der mehr Mut erfordert, als etwas zu tun, was dafür vorgesehen ist. Mut hat ja viel mit Kontext zu tun, daher ist es ein entscheidender Unterschied, ob man den Kontext bricht, um mutig zu sein, oder innerhalb dieses Kontexts mutig ist.

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Vom Frühbarock über Klassik bis zur Künstlichen Intelligenz – der inhaltliche Bogen unseres diesjährigen Konzertwochenendes in Bebenhausen ist weit gespannt. Vom 17. – 19. August 2018 werden rund um das Thema Mut und Musik mit besonderen Konzertformaten Geschichten über die verschiedenen musikalischen Dimensionen von Mut erzählt. Hier geht’s zur Programmübersicht.

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