Exzess, mein Liebling


PODIUM in den Kinderschuhen

Prometheus, Frankenstein, Zauberlehrling: Es ist immer die gleiche Leier – etwas wird geschaffen, entwickelt ein Eigenleben und die Dinge laufen so aus dem Ruder, dass alles zwangsläufig in einer Katastrophe enden wird. Aber können Dinge nicht auch gewollt und im positiven Sinne eskalieren? Mir fehlen geeignete Vergleiche und Bilder, wenn ich versuche,  dieses ganz besondere Element und Gefühl auszudrücken, das mich dieses Jahr beim Festival begleitet hat. Nämlich das der Verselbstständigung, der absolutesten Eigendynamik und Eskalation, die man sich wünschen kann wie man möchte – ob sie kommt und wie heftig, scheint immer ein Rätsel.

Seit über sechs Jahren feilen wir als Macher mühsam an dem Projekt PODIUM. Wir waren viel damit beschäftigt, eine Ausrichtung zu definieren, unsere Domänen und „Unique Selling Dingsdas“ zu konstruieren. Dies alles machten wir gerne, und zwar um weitermachen zu können, um jedes Jahr wieder das Gefühl eines selbstkreierten Events heraufzubeschwören und mit einem Haufen netter Leute eine gute Zeit zu haben. Irgendwann merkten wir im Bezug auf die Konzerte, dass der Kreativität keine Grenzen gesetzt sind: Wir konnten konzipieren und erdenken, so lange wir gut planten war alles in Ordnung. Andersherum galt: Wenn wir nichts machten, war eben auch nichts in Ordnung. Ein reines „what-you-do-is-what-you-get“ Prinzip. Und das war auch ganz nett.

Schön war, dass alle Künstler von Anfang an bei den irrsten performativen Testfahrten meistens mit dabei waren: In feuchten, modrigen Gewölbekellern wurde mit alten italienischen Instrumenten musiziert. Komplexe Werke wurden nach wenigen Proben zur Aufführung gebracht – mit einer Suppe aus Schwarzlicht und Nebel vor dem anspruchsvollen Notentext. Und alle Musiker waren von Anfang an so inspiriert von der Werkevielfalt und der demokratischen Programmierung, dass es schon immer Vorschläge für fantastische aber unbekannte Kammermusikwerke hagelte. Aber ich kann mich auch an Zeiten erinnern, wo wir eindeutig erklären mussten, dass wir bei PODIUM keine gewöhnliche Klassikinstitution sein wollen, kein nettes Kammermusikfestival in einem Schloss im Sommer, sondern ein paar Sachen anders machen möchten. Und dass dementsprechend der standardisierte Künstlerhabitus eines klassischen Musikers besser im Instrumentenkoffer gelassen werden sollte. Da dieser Gedanke keine Selbstverständlichkeit war, zogen zeitweise ganz sicherlich nicht alle Beteiligten gleich stark am Strang dieses Idealbilds und die Gruppe blieb heterogen.

Dieses Jahr war, dank eines fantastischen Projektmanagements, wohl das am Besten organisierte PODIUM Festival jemals. Nach meinem oben erwähnten Prinzip würde das implizieren, dass alles genau so geklappt hat wie ursprünglich vorgestellt und geplant.

Hat es aber nicht. Es sind Schwingungen entstanden, es haben sich Sachen ereignet, die niemand sich im Voraus hätte ausmalen können. Und: Die Gruppe schwang harmonisch, von innen heraus.

Diese „Vibes“ waren omnipräsent spürbar. Neulinge im Kader waren nach wenigen Tagen infiziert und performten mit einer Souveränität und Echtheit dass sich das Publikum sofort davon einfangen ließ. Alte Hasen zeigten sich von Seiten, die niemand je zuvor gesehen hatte. Die gesamte Mannschaft wollte von Anfang an mitgestalten, viele Schritte weitergehen als das Organisationsteam sich hätte erträumen können. Und alle so unterschiedlichen Beteiligten verkörperten die komplette Festivalzeit so gemeinschaftlich ein Wertegebäude, dass jedes Unrechtsregime mit jahrzehntelanger Propagandaarbeit vor Neid erblasst wäre. Niemand wurde einer Gehirnwäsche unterzogen, musste sich und seine Persönlichkeit abgeben. Gerade diese Vielzahl an Künstlern unterschiedlichster Gattungen, diversester Hintergründe und Nationalitäten, diese so engagierte und kreative Organisationsmannschaft, dieses so wohlwollende und begeisterungsfähige Publikum und eben eine Prise der noch nicht identifizierter Zauberzutat hat zu einem Festival beigetragen, das sich verselbstständigt hat. Das frankensteinhaft auferstanden und losmarschiert ist. (Und zumindest in unseren Köpfen noch immer herumgeistert). Nun steht die Institution PODIUM als Kreativbollwerk in der Landschaft, welches einmal im Jahr zum Explodieren gebracht wird. Und ich bin dankbar und froh, dabei gewesen zu sein.

Ein Beitrag von Minh Schumacher

Fürsorglicher Taufpate der ersten Stunde

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