Freaks!


Über die #bebeethoven Fellows

171006 #bebeethoven © Verena Ecker-32

Freak [friːk]

  1. Person, die sich nicht ins normale bürgerliche Leben einfügt, die manche gesellschaftliche Bindung aufgegeben hat, um frei zu sein
  2. jemand, der sich in übertrieben erscheinender Weise für etwas begeistert

Was für eine unvorstellbare Anmaßung schöne Aufgabe und Herausforderung lag da plötzlich vor mir: ich durfte – u.a. gefördert von der Kulturstiftung des Bundes – auf der Plattform von PODIUM Esslingen aufbauend ein Fellowship Programm für das Beethoven-Jubiläumsjahr 2020 kuratieren. Gesucht wurden 12 Personen und Projekte, die das Zeug oder jedenfalls den Mut haben, zentrale Zukunftsthemen des Musikschaffens zu adressieren – wie es L.v.B. seinerzeit tat. Es ist ein Projekt zu Ehren von Beethoven, das ironischerweise kaum etwas mehr will, als die noch immer so von Beethoven geprägte Klassik-Welt liebevoll zu überwinden. #bebeethoven soll dieses Projekt heißen. Beethoven lieben ist leicht. Er ist weitgehend zum bürgerlichen Inventar geworden, sein wildes Gesicht findet sich gar auf sehr zahmen Kaffeetassen und das bahnbrechende Tatatadaaa auf kitschigen Tischdecken. Beethoven „sein“ ist dagegen verdammt schwer. Denn das müsste bedeuten: wirkliches Drängen, wirkliche Suche, wirklicher Wahn.

Wer oder was ist das heute? Wie oder wo findet man das? Und wie entgeht man der allgegenwärtigen Falle, #bebeethoven unter unseren weitverbreiteten Parametern und Denkfiltern des 19. Jahrhunderts zu denken? Es geht bei diesem Projekt eben nicht um die grandiose Vergangenheit, die von unserem kleinen bisschen nerviger Gegenwart überlagert wird. Auch nicht um diese post-moderne, ironische Dekonstruktionssuppe. Aber auch nicht um neo-Klassik, dieses so wohltuend regressive Produkt unserer Bionaden-Biedermeier Generation.

Sondern: Aufbruch, Aufregung, Schönheit, Spiritus – und Freude, dieser schöne Götterfunke.

Die Suche nach diesen Personen und Projekten verlief im kuratorischen Geiste dessen, was wir über die Jahre bei PODIUM Esslingen aufgebaut haben und wurde flankiert von fünf grandiosen Projektpartnern. Das Blickfeld schwankte zwischen Nähe und Ferne, klaren Handlungsfeldern und non-linearen Suchprozessen, Aktualitäten und Potentialitäten. Und am Ende musste – im Einklang mit den Partnervertretern – entschieden werden. In den nächsten Wochen werden wir auf unseren Social Media Kanälen und auf unserer Projekt-Website alle Fellows nochmals vorstellen, hier aber nun ein paar allgemeine Leitgedanken der Auswahl aus meiner Sicht.

Fokus

Zunächst ist wichtig zu fragen, wo man zu suchen anfängt, denn freilich gibt es zahllose fantastische Künstlerinnen und Musikerinnen. Bei #bebeethoven geht es nicht zuletzt auch um die Frage, welche Handlungsfelder der Kunstmusik im besonderen Maße unter Veränderungsdruck stehen und wo sich eine Öffnung für Neues ergibt. Damit schließt sich zum Beispiel klassisches Regie-Musiktheater als in sich (bei aller Kritik) funktionierendes System aus. Es geht in dieser so disruptiven Zeit eher um neue musikalische Ausdrucksformen, die aus Sicht der Klassik- und Kunstmusik-Szene gewissermaßen „aus dem Off“ kommen und die gerade deswegen für #bebeethoven so spannend sind. So zum Beispiel Holly Herndon und Mat Dryhurst mit ihrer Mischung aus elektronischem Konzept-Pop mit brandaktuellen Technologie-Diskursen; oder Koka Nikoladze mit seiner Hacker- und Maker-Mentalität, die sich mit einer profunden Ausbildung als klassischer Musiker und Komponist verbindet; oder Alexander Schubert, der unglaublich wirkungsvolle Gesamtkunstwerke aus Klang, Bild und Performance erschafft.

Ein anderes Beispiel: im Feld der klassischen Musik fokussieren wir uns – hier mit dem Partner Folkert Uhde vom Radialsystem V – auf zwei Bereiche, die besonders innovationsreif erscheinen: Juri de Marco entwickelt mit dem Stegreif.Orchester ein neues Orchestermodell und Elina Albach findet Wege, die Alte Musik jenseits dieser etwas eingeschlafenen Nische in aufregenden und heutigen Zusammenhängen erlebbar zu machen. Neben den zentralen Themen Komposition und Konzertdesign haben sich weitere Handlungsfelder anhand heutiger Zukunftsfragen herauskristallisiert: Interpretation, globale Musik, Musikproduktion, Technologie.

Timing

Es erschien mir bei der Auswahl entscheidend, bei den Kandidaten einen biographischen Sweetspot zu erwischen, in dem die Ressourcen des Programms (jeder #bebeethoven Fellow erhält für die drei Projektjahre ein festes Honorar, Produktionsmöglichkeiten sowie ein starkes Partnernetzwerk) maximal Sinn stiften und Potentiale entfalten. Geniale Künstler, die aber auf die nächsten drei Jahre ausgebucht sind, brauchen ein solches Programm nicht. Es gilt hier nachweislich herausragenden Künstlern einen neuen Weg, ein Risiko, eine erahnte und unbedingt gewollte neue Arbeit zu ermöglichen. Wir sind hier also gewissermaßen Seed-Investoren der Kunst, ohne zu wissen, was sich genau daraus entwickeln wird, weil sich so viel daraus entwickeln könnte. #bebeethoven ist ein Inkubator, in dem Menschen wie z.B. Elisa Erkelenz den unbedingten Traum, andere internationale Kunstmusik-Szenen zu erschließen oder Johann Günther, der eine neue Idee davon hat, was das Label der Zukunft sein könnte, Zeit und Chancen gewinnen. Oder der Pianist Mathias Halvorsen: er ahnt, dass der sogenannte „klassische Musik“ durch eine viel weiter gedachte Interpretationspraxis noch viel, viel mehr abgewonnen werden kann. Oder die Künstlergruppe Quadrature, die aus Daten Musik macht. Es ist der perfekte Zeitpunkt, gerade solche Arbeiten – die aufgrund mangelnder Vorstellungskraft in der Regel kaum gefördert werden – zu fördern.

Persönlichkeiten

Die entscheidende Bedeutung von Persönlichkeit für den Erfolg gehört zwar zu den überdrüssigsten Business-Binsen überhaupt, aber sie wird einer solchen Suche sehr konkret: niemand kann ob der Komplexität solcher Projekte wissen, wie die Zukunft verläuft; was man wissen kann, ist, dass resiliente, ausdauer- und willensstarke Persönlichkeiten immer einen Weg finden werden, die garantiert aufkommenden Probleme und Unwägbarkeiten zu navigieren und dabei am Ende eine gute Chance haben, erfolgreich zu sein. Jemand wie Kaan Bulak hat sich trotz junger Jahre schon in verschiedensten Zusammenhängen und Disziplinen, ob in einem Startup, als Toningenieur oder in der Club-Elektronik, bewährt – warum sollte er nicht diese diversen Hintergründe erfolgreich in ein sehr weitreichendes Kompositionsschaffen einfließen lassen? Und gerade weil Michael Rauter und Iñigo Giner Miranda jahrelang mit den von ihnen gegründeten Ensembles durch dick und dünn gegangen sind haben sie beste innere Voraussetzungen, nun mit ihrer eigenen Arbeit als Künstler steil zu gehen.


Es ist mir viel lieber, wenn einige Projekte krachend scheitern, andere dafür durch die Decke gehen, als dass wieder mehr vom Gleichen im engen, oft ideologisch oder konventionell definierten Korridor der betrieblichen Möglichkeiten entstehen. Mit dem Risiko des Scheiterns müssen wir leben. Die Auswahl der Fellows bildet nicht meinen persönlichen Geschmack ab und folgt auch ästhetisch keinem roten Faden. Die Auswahl ist auch in großen Teilen inkompatibel mit dem „cutting edge“ der etablierten Neuen Musik Szene. Sie ist eine Repräsentation – so gut ich es sehen kann – der heute und zukünftig interessanten Entwicklungen und Haltungen auch jenseits althergebrachter Strukturen der Kunstmusik. Das ist natürlich diskutabel und soll es auch sein. Eben diese ehrliche, ideologiefreie Diskussion über Zukunftsfragen des Musikschaffens anzuregen ist ein wesentliches Element des Projekts.

Nun geht es an die Arbeit. Wir alle bei PODIUM Esslingen freuen uns immens über die Chance, solch fantastische, besondere Menschen und Künstler – Freaks im allerbesten und positivsten Sinne des Wortes! – ein wenig begleiten zu dürfen.

 

 

von Steven Walter

Kurator #bebeethoven
Künstlerischer Leiter PODIUM Esslingen

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