Gedanken zum 10. PODIUM Festival


Es ist die 10. Auflage des PODIUM Festivals in Esslingen. Jubiläen sind immer ein wenig willkürlich – und bestimmt ist das schiere Bestehen noch längst kein Grund zum Feiern. Ein Jubiläum kann bestenfalls Fragen aktualisieren: Fragen an die Gründe und Ursprünge, an die Bedingungen vielleicht, und Fragen an die Zukunft, wie und warum es weitergehen soll und muss. Es kann einen Moment der Reflektion bieten. Ein Innehalten, damit man dann umso mehr loslassen und feiern kann. Sich selbst als Selbstzweck zu feiern ist zurecht ein wenig suspekt, es sollte also bei diesem Jubiläum auch genug Raum für die Fragen geben. Deshalb hier drei grundlegende Fragen nach diesen zehn wunderbaren PODIUM Jahren:

Was spielen wir, wenn wir Musik spielen?

Nicht zufällig reden wir beim Musizieren eigentlich von einem Spiel. Nichts wäre leichter, als an dieser Stelle Schillers Zitat vom Menschen, der „nur dann ganz Mensch ist, wenn er spielt“, anzuführen. Aber was bedeutet das eigentlich und wirklich? Es gibt nicht viele Arenen menschlichen Spiels, in denen wir die Freuden und Leiden, den Rausch und die Räson, die Dramen, die Leere und Fülle des Lebens in eine solch andere, freie Sphäre übersetzen und überhöhen können, wie wir es mit der Musik können. All das passiert in der Musik. Und wenn es uns nicht gelingt, dieses Spiel dem Hörer leibhaftig zu machen, ihn eigentlich als Mitspieler zu gewinnen, dann erfüllen wir nicht das Potential der Musik. Nietzsche sagt, niemand sei ernster als das Kind beim Spielen. So spielerisch ernst müssen wir aufführen, so heilig und darum ziellos sollte der Gegenstand sein – als spiele man das letzte Mal…

Was haben wir gemein, wenn wir Gemeinschaft zelebrieren?

Wir reden viel von dieser Gemeinschaft, die PODIUM über die Jahre getragen, aufgebaut und Flügel verliehen hat. Und doch ist diese Gemeinschaft so heterogen, dass es gar nicht leicht fällt zu sagen, was sie gemein hat. Es sind die verschiedensten Persönlichkeiten, die unterschiedlichsten Milieus vertreten. Die Lebenswirklichkeiten einer Buchhändlerin, eines Beraters, einer Unternehmerin, einer Musikerin, eines Volunteers oder einer Teamleiterin haben sehr wenig gemein. Was aber hält uns zusammen? Was bringt eine Fördergemeinschaft dazu, sich immer wieder zu engagieren, was ein junges ehrenamtliches Team, immer wieder so viel Freizeit dieser Sache zu opfern? Warum kommen immer wieder wunderbare junge Künstler zusammen, um hier unter schwierigen Bedingungen für viel zu wenig Geld und mit gewisser Gefahr des Scheiterns Neues zu entwickeln? Und warum passiert das nicht nur hier, sondern überall dort, wo lebendig Kunst und Kultur entsteht?

Es muss an einer gemeinsamen Sehnsucht liegen, die jeden Einzelnen dazu bringt, sich auf seine und ihre Art und Weise in ein solches Projekt einzubringen. Vielleicht ist es auch ein verstohlenes Abbild der Gesellschaft, von der wir – egal wie wir sie haben wollen – insgeheim wissen, dass sie nur so funktionieren kann: wenn jeder sich einbringt. Wir sind, sofern hier ein gemeinsames Anliegen besteht, alle Bürger PODIUM – so wie wir Bürger dieser Stadt, dieses Landes und dieser Welt sind.

Was feiern wir, wenn wir PODIUM feiern?

Wir feiern also dies: die Musik als vielfältigster Ausdruck des Menschlichen und die Gemeinschaft, in der sich alle Menschlichkeit entfaltet. Wir feiern aber noch etwas Drittes: das Private, die einsame Stunde, das Persönliche. Diese wunderbare, private Welt, die Musik einem schenken kann. Die so nützliche kommunikative Geschwindigkeit und digitale Verfügbarkeit führt dazu, dass wir sehr viel Energie in der Zerstreuung verbringen. Wir verlieren in unserer Sucht nach jeder noch so kleinen und faden Gemeinsamkeit – und sei es nur ein Like auf Facebook – leicht das Eigene, das immer irgendwie aus der Einsamkeit hervorwächst. Die Musik und das Konzert kann uns auf dieses Eigene zurückwerfen, kann uns diesen entschleunigten Raum geben. Aber da die Musik nicht durch sich selbst existiert, sondern immer von der Aufführung und der Haltung dahinter lebt, braucht es auch den „persönlichen Musiker“, einzigartige Individuen, sperrige und sprudelnde Seelen, die bereit und fähig sind, die Musik – gefiltert durch ihre Persönlichkeit – mit uns zu teilen. Miles Davis hat es so gesagt: »Anybody can play. The note is only twenty percent. The attitude of the motherfucker who plays it is eighty percent.« PODIUM sucht und feiert genau diese Musiker*innen, die ihr Eigenes mitgeben, die Brechen und Fordern, die sich aus dem Fenster lehnen und uns zu nahe treten – und uns so musikalische, persönliche Resonanzerfahrungen schenken und auch teilhaben lassen an der Stille, aus der heraus die Musik kommt und durch die wir als Zuhörende treten, wenn die Musik beginnt.

So will PODIUM Esslingen also ein Ort für die Musik sein, die durch persönliche Erlebnisse Gemeinschaft stiften kann. Das sind große, allgemeine Worte. Die Wahrheit ist aber immer konkret. Hier in dieser kleinen, schönen Stadt am Neckar durften wir uns seit dem Jahre 2009 am Konkreten üben – und so soll es auch weitergehen. Esslingen ist der richtige Ort dafür, denn es ist erstaunlich, wie viel Welt in einer so kleinen Stadt steckt. Und im Übrigen ist „Provinz“ in diesen Zeiten kein Ort mehr. Provinz ist eine Haltung. Heute sind die Ideen aus aller Welt verfügbar. Wir können es uns nicht mehr leisten, provinziell zu sein, wenn es um die Lösung von Zukunftsfragen gehen soll.

Von Rainer Maria Rilke stammt der schöne Rat, dass man, wenn nur die richtigen Fragen gelebt werden, „eines fernen Tages, allmählich, ohne es zu merken, in die Antwort hinein“ wächst. Wir werden weiter fragen. Jetzt freuen wir uns aber, dieses Fest mit unserem treuen Publikum zu feiern und danken sehr herzlich für die Aufmerksamkeit, die Neugier, die Kritik und das lebendige Vertrauen.

 


Ein Text von Steven Walter aus dem PODIUM Magazin zum 10. Festival.

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