Gute Konzerte, schlechte Konzerte


Das klassische Konzert ist gut dass es sich ändert

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Credit: VAN Magazin

In den letzten Wochen ist die kleine Klassik-Blogosphäre nach dem öffentlichen Statement von Johnny Greenwood, klassische Konzerte seien aufgrund ihres formalen Ablaufs „off-putting„, mal wieder heiß gelaufen. Greenwood ist nun nicht der erste, der das lamentiert – aber als Weltstar und Radiohead-Mitglied immerhin jemand, der darüber eine breite Debatte anstoßen kann. Die zahlreichen, polarisierenden Debattenbeiträge sind entlarvend, denn sie zeigen, wie pauschal über das Konzert nachgedacht wird. So ist also eine Betrachtung dieser Debatte interessanter als deren Inhalte selbst, die sich weitgehend im Kreise drehen. Denn es zeigen sich hier die verschiedenen Lager, die weitgehend ideologischen Einstellungen folgen und dabei meines Erachtens oft voll und ganz aneinander und an der eigentlichen Sache vorbeireden – was mich wiederum dazu verleitet, auch meinen Senf dazu zu geben.

Wer die Debatte nicht verfolgt hat: nach der Aussage des Klassik-Liebhabers Johnny Greenwood, dass diese Musik doch recht langweilig präsentiert wird, haben sich im Grunde die üblichen zwei Lager ausgebildet: die selbsternannten „Progressiven“, die alles ändern wollen (exemplarisches Beispiel: Baldur Brönnimann, 10 Things We Should Change in Classical Concerts) und die Puristen, die gar nichts ändern wollen (exemplarisches Beispiel: Aaron Gervais, Classical Concerts are great. Stop apologizing for them).

Beide Lager sind sich ihrer Sache also sehr sicher und bekriegen sich mit ideologischem Eifer. Das wäre auch in Ordnung (in jedem Kunstmilieu gibt es solche Gegensätze), würden nicht im Zuge dieser Debatten ständig vermeintliche Totschlagargumente reflexhaft bedient werden, die fundamentalistischen Anspruch haben und weiteres Nachdenken sozusagen unseriös machen. Das Hauptproblem ist das weit verbreitete Denken in Entweder/Oder-Kategorien: entweder ist das Konzert ernst oder locker; entweder es gibt Kunst oder Unterhaltung; entweder das Publikum ist entspannt oder konzentriert usw. Was eigentlich nicht mehr als ein rhetorischer Trick ist, um die Gegenseite zu diskreditieren (denn niemals ist irgendwas in der Kunstrezeption entweder/oder), zeigt sich hier als systemlähmende Krankheit.

Die „Progressiven“ sagen: entweder du bist im Club oder in der Industriehalle oder sonstwo Hippes – oder du bist ein aussterbender, spießbürgerlicher Altveranstalter.
Die „Traditionalisten“ sagen: entweder du lässt deine Gäste in Reih und Glied im dafür vorgesehenen Konzertsaal sitzen, um dem Wahren, Schönen und Guten, das da auf der Bühne dargeboten wird, zu lauschen – oder du bist ein kunstfeindlicher, internetverseuchter Klassik-light Hipster.

Wenn dies auch zugespitzt formuliert ist – es wird ständig in diesen pauschalen Kategorien argumentiert. Statt uns immerfort gegenseitig in Schubladen zu stecken, sollten wir einmal wirklich auf breiter Front über das Konzert als Kunstform mit einer sozial-ästhetischen Funktion nachdenken. Nun werden wir bei PODIUM eher dem „progressiven“ Lager zugeschrieben, aber es ist eben deswegen wichtig zu betonen, dass man sehr jung, emotionalisierend und modern mit der Kommunikation und Aufmachung der „klassisch“ genannten Musik umgehen und es trotzdem sehr ernst damit meinen kann. Die Sache unverkrampft anzugehen und es gerade daher umso mehr ernst zu nehmen – darum geht es uns. Denn ein Konzert kann locker UND hochkonzentriert sein. Es kann exklusiv UND offen sein. Entspannt UND hoch anspruchsvoll. Spaß UND Ernst. All das schließt sich nicht aus – es befruchtet sich eher. Ich hatte schon die profansten Erlebnisse im erhabensten Umfeld und die erhabensten Erlebnisse unter profansten Umständen. Es kommt wie immer auf die Sensibilität und Vision der Programmverantwortlichen an. Und so gibt es spannende und langweilige Programme, egal ob im Club oder Konzerthaus.

Es gibt gute Konzerte, mediokre Konzerte, schlechte Konzerte. Aber lasst uns doch diesen Lagerkrieg um die Formate beenden und die Einzelfälle anschauen und bewerten.

Ja, sehr oft ist auch meiner Meinung nach das klassische Konzertformat nicht geeignet dafür, diese Musik heute erfahrbar zu machen. Aber jede Änderung, die wir vornehmen, muss aus der Musik heraus gedacht sein. Dann kommen die „neuen Formate“ wie von selbst – und man kommt zu dem Schluss, dass Konzerte zu oft unmusikalisch gedacht werden. Das gilt für den Konzertsaal wie für all die alternativen Orte und Abläufe. Lasst uns Konzerte musikalisch denken. Konzerte sind keine Gefäße, in die man einfach lieblos die Musik schüttet – sie sind das Medium der Musik.

Ich mag in diesem Zusammenhang den von Folkert Uhde geprägten Begriff „Konzertdesign“. Die Entstehung von Konzertformaten ist im Grunde ein Designprozess: form follows function. Und wenn wir unseren PODIUM Claim Musik wie sie will ernst nehmen, so müssen dabei sehr vielfältige Funktionen und Formen entstehen. Ein Konzertangebot so vielseitig, schön, brutal, sperrig, offen – kurz: so multidimensional wie die Musik selbst.

Unser Konzertwesen sollte ein „Wesen“ sein, das in verschiedensten Spezies unsere Musiklandschaft bevölkert. Wir müssen entspannter und ernster und visueller und lauter und weniger schrill daher kommen. Unsere Konzerte sollen bitteschön für junge Menschen relevanter werden, aber insbesondere einer alternden Gesellschaft angepasst sein. Wie soll das gehen? Ich glaube nur dadurch, dass unser Konzertwesen im Sinne der Musik vielfältiger und übergriffiger wird. Nur mit einer pluralisierten Szene, die sich nicht mit idiotischem Schubladendenken selbst im Weg steht, sondern in einen internen Wettbewerb um Originalität und Qualität eintritt, werden wir für eine pluralisierte Gesellschaft anschlussfähig.

Und über allem steht – immer! unbedingt! – die Qualität der Musik und ihrer Darbietung. Wobei noch darüber diskutiert werden muss, was mit Qualität gemeint sei. Dies ist aber ein anderer Blogpost …

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