Hype


Über Aufmerksamkeitskurven - und warum sie egal sind

Wer ist ihm nicht schon mal aufgesessen, dem Hype um irgendwas Neues, Aufregendes? Ein Hype – definiert als Welle oberflächlicher Begeisterung, oder: Rummel – bricht dann aus, wenn einem neuen Ansatz, einer innovativen Idee oder Technologie übertrieben viel Aufmerksamkeit zuteil wird. Wahrscheinlich gab es schon zu vormodernen Zeiten Hypes um Menschen (der unbesiegbare Feldherr!) und Ideen (Goldsynthese!), aber in einer Zeit extremer medialer Vernetzung und disruptiver technologischer Entwicklungen nehmen die Hypes in Dichte und Ausmaß gefühlt stark zu. Solarhype, Papsthype, Applehype, Socialmediahype, Veganhype und ja: PODIUM Hype… ständig finden wir (mich sehr eingeschlossen) neue Ideen, Technologien und Menschen, die wir in den Himmel hypen, um sie dann häufig desillusioniert wieder fallen zu lassen.

Hype heißt ja nicht, dass am Gehypten nichts dran ist – im Gegenteil: es hat meist extrem viel Potential. Nur erfasst der heiße Wind, der da Hype heißt, eben nicht das Wesentliche der dahinter stehenden Idee, sondern arbeitet sich einfach an den überzogenen Heilserwartungen ab.

Hype-Cycle

Jackie Fenn, eine IT-Beraterin von Gartner Inc., hat mit dem „Hype-Zyklus“ den Ablauf eines Hypes sehr einleuchtend beschrieben:

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Hype-Cycle nach Gartner Inc.

Technologischer Auslöser
Die erste Phase ist der technologische Auslöser oder Durchbruch, Projektbeginn oder ein sonstiges Ereignis, welches auf beachtliches Interesse des Fachpublikums stößt. Trittbrettfahrer steigen auf das neue Thema auf.
Gipfel der überzogenen Erwartungen
In der nächsten Phase überstürzen sich die Berichte und erzeugen oft übertriebenen Enthusiasmus und unrealistische Erwartungen. Es mag durchaus erfolgreiche Anwendungen der neuen Technologie/Ideen geben, aber die meisten kämpfen mit Kinderkrankheiten.
Tal der Enttäuschungen
Technologien/Ideen kommen im Tal der Enttäuschungen an, weil sie nicht alle Erwartungen erfüllen können und schnell nicht mehr aktuell sind. Als Konsequenz ebbt die Berichterstattung ab.
Pfad der Erleuchtung
Obwohl die Berichterstattung über die Technologie/Idee stark abgenommen hat, führen realistische Einschätzungen wieder auf den Pfad der Erleuchtung. Es entsteht ein Verständnis für die Vorteile, die praktische Umsetzung, aber auch für die Grenzen der neuen Technologie/Idee.
Plateau der Produktivität
Eine Technologie/Idee erreicht ein Plateau der Produktivität, wenn die Vorteile allgemein anerkannt und akzeptiert werden. Die Technologie wird immer solider und entwickelt sich in zweiter oder dritter Generation weiter.
(aus Wikipedia).

Tatsächlich finden sich zahllose Belege für diesen Zyklus. Ein berühmtes Beispiel ist das Internet selbst mit seinem „Gipfel der überzogenen Erwartungen“ (Dotcom-Blase) und „Tal der Enttäuschung“ (Dotcom-Crash) mit darauffolgendem „Pfad der Erleuchtung“ und gegenwärtigem „Plateau der Produktivität“.

Schauen wir uns mal ein paar Hypes in unserem Bereich an. Da wäre beispielsweise das Format sogenannter Clubkonzerte: als die Yellow Lounge Anfang der Nullerjahre damit anfing, in „coolen“ Berliner Clubs Klassik zu machen, zogen alsbald viele Andere nach. Die Erwartungen an solche Ortswechsel waren himmelhoch – volle Dröhnung Hype. Jetzt, nach über 10 Jahren, ist die Idee in der Kritik (hier beispielsweise ein sehr schöner Verriss im VAN-Magazin: „Spießigkeit im Szenekleid„). Wir sind im Tal der Enttäuschungen, denn – welch Erkenntnis: „einfach Klassikstars mit ihren best-of Stücken ins Berghain zu setzen macht diese und ihre Musik längst nicht für eine junge Szene anschlussfähig.“ Deswegen ist der Gedanke einer klassischen Clubkultur aber mitnichten eine schlechte Idee, wie nun einige ewig-gestrige Denkmalschützer aus manchem Feuilleton heraus propagieren. Sehr viel Repertoire ist im Club besser aufgehoben als im Konzertsaal. Zum Glück befinden wir uns hier aber bereits auf dem „Pfad der Erleuchtung“: künstlerisch sinnige, in Gestus und Atmosphäre authentische Clubreihen wie Urban String des Hamburger Ensemble Resonanz oder Etienne Abelins Ynight in der Schweiz belegen eine Entwicklung, die hoffentlich bald einmal auf einem „Plateau der Produktivität“ ankommt, auf der dann „Klassik im Club“ ein so selbstverständliches und ausgereiftes Format ist wie das Abo im Konzertsaal.

Eine ähnliche Entwicklung wünscht man dem boomenden und mitunter ebenso stark gehypten Bereich der„Musikvermittlung“, die mit ihrem manchmal absurd hermetischen Diskurs erst noch das Tal der Enttäuschung durchlaufen muss. Auch der Hype um Neue Medien im Konzertkontext wird hoffentlich seinen Zyklus durchlaufen. Nicht jede gute, gehypte Idee schafft den Weg hinauf zum Plateau der Produktivität. Viele versanden mit den ersten Misserfolgen und dem zweiten medialen Verriss. Am Ende wird alles davon abhängen, ob genügend kluge, ausdauernde und begeisterte Akteure die notwendige künstlerische Arbeit machen, gute Ideen und Formate erfolgreich zu etablieren – unabhängig von den extremen Fluktuation in der öffentlichen Meinung und Aufmerksamkeit, die der Hype-Zyklus impliziert. Denn dieser Zyklus ist ausschließlich einer der Aufmerksamkeit, er hat oft wenig mit dem genauen Zustand der Inhalte zu tun. Oft ist das Produkt im „Tal der Enttäuschungen“ objektiv betrachtet besser als auf dem „Gipfel der überzogenen Erwartungen“. Hier trennt sich dann die Spreu vom Weizen: nur wer genug an die Idee glaubt, wird trotz negativer Wahrnehmung und Presse weiter daran arbeiten und den Weg hin zu ihrer erfolgreichen Verbreitung und Adaption ebnen.

PODIUM und der Hype

Auch PODIUM durchläuft wahrscheinlich bilderbuchmäßig einen Hype-Zyklus: unsere Ideen und Ansätze wurden in der Szene zunächst übermäßig hochgejubelt. Uns wurden die Preise und Auszeichnungen förmlich hinterhergeschmissen, auf Konferenzen wurde PODIUM als „best practice“ herumgereicht. Jetzt, nach über sieben Jahren, schwillt der Hype ab und das Tal der Enttäuschungen liegt in aller Pracht vor uns. Schon beginnen Stimmen auf Symposien voll Erstaunen festzustellen, „dass die Leute bei PODIUM auch nur mit Wasser kochen“ und „Die machen auch nur Konzerte“. Als hätten wir davor Magie gemacht.

In Wahrheit werden wir im Konzertdesign immer besser und besser und investieren in neue Ideen und Programmlinien. Doch zum Besserwerden gehört viel Scheitern. Und dieses notwendige Scheitern wird nicht mehr wie früher im blinden Hype übersehen. Die Leute werden enttäuscht sein und – oh nein! – feststellen, dass PODIUM auch nicht sämtliche Lösungen parat hat.

Wir werden aber mit unserer inhaltlichen Vision einfach weiter machen und fröhlich durch dieses Tal der Desillusion marschieren. Denn die positive oder negative Wahrnehmung hat im Sinne des Hypes wenig mit dem Stand der Arbeit zu tun. Sie ist außer den unleugbaren Auswirkung auf das institutionelle Ego das Wesentliche betreffend vor allem eines: egal. Wesentlich ist die Frage, ob wir beständig besser werden und vorne dran bleiben. So sehen wir uns hoffentlich später, dort oben auf dem Plateau der Produktivität. Und dort wird dann im besten Fall so etwas wie PODIUM ganz normal sein.

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