Hypnotisiert


Oft liegt große Kunst im Verborgenen, man muss suchen und forschen. Manchmal jedoch ist sie auch ganz präsent auf dem Tisch – ohne, dass man es merkt. Die Isländerin Björk Guðmundsdóttir ist als Sängerin, Musikproduzentin, Komponistin, Songwriterin und Schauspielerin seit den neunziger Jahren eine vielbeachtete Künstlerikone und hat weltweit über 20 Millionen Alben verkauft. Dennoch wird ihre Kunst gerade in der Szene der sogenannten Kunstmusik nur wenig wahrgenommen. Ian Anderson aus Norwegen, Festivalmusiker bei PODIUM Esslingen, hat mit “Homogenic” eines ihrer bekanntesten Alben für Streichquintett arrangiert. Die Uraufführung findet im Rahmen des PODIUM Festivals 2017 statt. Wir haben mit Ian über seine neue Liebe zu Björks Werk gesprochen und die Kunst eines wirklich guten Arrangements analysiert.

Ein Interview von Minh Schumacher mit Ian Anderson

 

Was fasziniert dich an der Musik von Björk?
Es ist nicht nur Björks Musik, sondern alles an ihr ist faszinierend! Ihre Videos, ihre Kostüme, ihre Stimme (sowohl die Stimmqualität als auch der Ausdruck), ihre Texte, ihre Interviews…Ihre Fantasie ist so sonderbar und gleichzeitig so fesselnd. Man weiß nie, was sie als nächstes macht, sogar nach so vielen Jahren lässt sie einen rätseln.

Als Musikerin hat sich Björk über die Jahre einen hohen Bekanntheitsgrad geschaffen, obwohl ihre Musik fernab vom Mainstream und immer sehr progressiv erscheint. Wie erklärst du dir das?
Ihr gelingt es auf eine ganz besondere Art und Weise, Tiefe und Innovation mit einem einfachen Zugang zu kombinieren. Man fühlt immer eine Schönheit oder Dunkelheit, an der man sich als Zuhörer festhalten kann, egal wie fordernd die Klänge sind.

Wieso hast du für deine Arrangements das Album “Homogenic” ausgewählt?
Ich habe schon vor vielen Jahren von Björk als Künstlerpersönlichkeit gehört und weiß, wie sie in der Musikwelt geliebt und respektiert wird, aber ihre Musik an sich habe nie kennengelernt, bis vor zwei Jahren. “Homogenic” war damals das allererste Album, das ich von ihr anhörte, auf einem Flug von Norwegen nach London. Und es hat mich von Anfang an hypnotisiert. Ich habe die Wochen darauf beinahe durchgehend dieses Album angehört und tue das auch jetzt noch regelmäßig. Vielleicht wegen des initialen Schocks, diesem packenden Erlebnis, ist es mein Lieblingsalbum von Björk geworden. Jeder einzelne Song ist ein Meisterstück, darunter Jóga und Unravel, meiner Meinung nach zwei der schönsten Stücke Musik die je geschrieben wurden. Ich erinnere mich noch daran, wie ich in einem Café in Norwegen saß und eigentlich Unravel  arrangieren wollte. Letztendlich saß ich eine Stunde lang da und habe den Song in Schleife gehört, dabei gezittert und Tränen geweint. Das war sicherlich ein lächerlicher Anblick! Aber schon die Art und Weise, wie sie das “r” rollt in “my heart comes undone”, bewegt mich jedes Mal aufs Neue.

Für das Arrangement hast du die Besetzung des Streichquintetts gewählt. Gibt es dafür einen besonderen Grund?
Streichinstrumente empfinde ich als die bei weitem flexibelsten Instrumente. Es ist dazu die Instrumentengruppe, die ich am besten kenne. Die verschiedenen Klänge, die man damit erzeugen kann, sind phänomenal. “Homogenic” ist klanglich ein so komplexes Album, dass ich so viele unterschiedliche und sonderbare Effekte wie möglich integrieren wollte. Das Streichquartett ist die klassische Streicherbesetzung, allerdings wollte ich einen Kontrabass hinzunehmen, um noch mehr Tiefe und perkussive Möglichkeiten herzustellen. Außerdem löst er das Cello ab, damit dieses mehr hervortreten kann. Doch trotz der Flexibilität von Streichinstrumenten habe ich noch viele weitere Instrumente und Gegenstände hinzugefügt. Dazu gehören ein Kazoo, eine Paçay-Schoten-Rassel, Weingläser und Aluminiumfolie, um Celloklänge zu verzerren.

Glaubst du dass es eine Art “universelle Musik” gibt, die so besonders ist, dass es egal ist, mit welchen Instrumenten man sie spielt?
Manche Musik ist so auf bestimmte Instrumente gepolt, dass es einfach nicht auf Anderen funktioniert. Aber dann gibt es auch Musik, die man auf jegliche Instrumentierung transponieren kann, ohne dass sie dabei künstlerische Einschränkungen erleidet. Bei manchen meiner Lieblingsstücke würde ich nicht mal im Traum darauf kommen, sie zu arrangieren  – einfach weil ich nicht wüsste, wie es irgendwie überzeugen könnte. Und wenn ein Arrangement nichts Neues bringt, dann ist das Zuhören reine Zeitverschwendung – man könnte sich auch einfach das Original anhören. Wenn das Publikum sich während der Aufführung eines Arrangements das Original vorstellt, dann ist es nicht gelungen. Bei Björks Musik habe ich in keinem Moment geglaubt, etwas verbessert zu haben oder auch nur irgendwie an das Original herangekommen zu sein. Aber ich denke wir werden etwas komplett Neues präsentieren können, eine Reinszenierung der Musik von “Homogenic”, die in ihrem Sinne einen eigenen künstlerischen Wert entfaltet.

 

Das Konzert “Homogenic” beginnt am 11. Mai 2017 um 22 Uhr im KOMMA. Als Opener wird uns die Sängerin und Cellistin MELA in ihre einzigartige Klangwelt entführen.

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