Jetzt! Oder nie.


Konzerte und Einmaligkeit

Der heutige Musikhörer lebt im Musikhörerschlaraffenland. Unsere Generation kann sich ja kaum mehr eine Welt vorstellen, in der nicht sämtliche Musik überall und sofort verfügbar ist: in dutzenden Interpretationen für jeden Geschmack und in hochprofessioneller Studio-Qualität. Die „Generation Spotify“ ist die erste der Menschheitsgeschichte, für die der Zugang zu Musik eine Allerweltssache wie der Wasseranschluss oder die Mobiltelefonie ist. Wuchsen unsere Eltern noch mit dem rituellen Wow! eines sporadischen Plattenkaufs auf, so sind wir heute mit wenigen Clicks bei einem einschlägigen Streaming-Dienst angemeldet und haben somit auf über 30 Millionen Musikstücken Zugriff. Wow!!

Dieser beinahe unfassbare technologische Fortschritt bei der Distribution von Musik lässt die Frage offen, was dies nun mit dem Konzert macht. Immerhin ist es recht neu, dass die live-Aufführung überhaupt in Konkurrenz mit irgendwelchen anderen Formen des Musikrezipierens steht. Es ist zwar kaum vorstellbar, aber es ist gar nicht lang her, da war das Konzert die einzige Möglichkeit, überhaupt Musik zu erleben. Und heute müssen wir uns ernsthaft fragen: welchen Mehrwert kann das Konzert eigentlich gegenüber meinem iPod bieten?

Die Antwort ist erstaunlich banal und folgenschwer zugleich: Einmaligkeit! In Zeiten der totalen Verfügbarkeit von Musik wächst die Sehnsucht nach dem einmaligen musikalischen Erlebnis. Je mehr die Musikwelt qua Aufnahmen erschlossen wird, desto dringlicher brauchen wir die Kuratoren, die auswählen und Kontexte schaffen.

Eigentlich.

Das „klassische Konzert“ und der Gedanke eines tradierten musikalischen Kanons namens „Repertoire“ stammen aus einer Zeit, als tatsächlich exklusiv dem Konzertwesen vorbehalten war, Musik erlebbar zu machen. Heute ist Musik überall, wo Internet ist und Ohrstöpsel an ein Gehirn angeschlossen sind. Klar: live ist anders, ist stärker, ist authentischer. Es gibt viele Gründe, das live-Erlebnis der Aufnahme vorzuziehen. Doch zumeist funktioniert das live-Geschäft über einen recht phantasielosen Mechanismus der Auratisierung: dem Star-Hype.

Ich sitze also hier in Reihe 37 der Philharmonie und alles klingt nur halb so gut wie auf der geilen Aufnahme – aber da vorne spielt tatsächlich Gideon Kremer! Daher ist irgendwie alles magisch aufgeladen.

Dies hat zu einem bedauernswerten Geschäft geführt, in dem mit immer mehr Aufwand versucht wird, Star-Appeal zu generieren. Es gibt fraglos geniale Künstler, denen genau diese nackte Bühne geboten werden muss. Aber alles in allem ist dieses dominierende System aus meiner Sicht weitgehend langweilig und fragwürdig, denn es geht zu selten von der Musik selbst aus.

Gleichzeitig erwächst eine Szene, die dem klassischen Konzert einen neuen Sinn geben will: als Ort, in dem auf höchstem Niveau Neues, Unbekanntes, Überraschendes erlebt wird. Das Konzert als musikalischer Kontextrahmen, nicht als Heldenbühne. Ein sozusagen post-heroisches Veranstalten, in dem einzig das ästhetische Erlebnis in den Mittelpunkt rückt.

Sehr viele Chancen liegen in diesem Ansatz, den wir bei PODIUM seit 2009 in unserem bescheidenen Rahmen erforschen. Wir als Veranstalter werden so vor allem zu Kuratoren, die mühsam aus dem schier unendlichen Fundus der Musik Programme und Formate stricken, die im Konzertmoment – nur hier! nur jetzt! – eine einmalige Bedeutung entfalten. Diese Magie kann nur passieren, wenn wir uns gegen jegliche Form der Standardisierung des Konzerts wehren. Daher veröffentlichen wir keine Programme: denn wir wollen keine vorgefasste Vorstellungen zur Musik; daher bespielen wir die unterschiedlichsten Orte: denn Räume und Architekturen spielen die Musik mit; daher sind unsere Konzerte so mannigfaltig und unberechenbar: sie müssen es sein, denn die Musik ist mannigfaltig und unberechenbar.

Pierre / Clarinet
Unser Job: einmalige Erlebnisse schaffen

Ein Konzert sollte etwas Gefährliches bergen. Man sollte nicht zu sicher vor der Musik sein. So wollen wir bei PODIUM mit unseren Konzerten konsistent das schaffen, was keine noch so perfekte, sublime Aufnahme und keine noch so fein justierte Internet-Filterblase kann: Einmaligkeit!

 

Hinterlassen sie einen Kommentar

Schließen
Schließen