Kunst oder Kultur?


Abschrift eines Impulsbeitrags beim #radialforum

von Steven Walter (Künstlerischer Leiter PODIUM Esslingen)

 

Gleich vorab die entscheidende Frage: Machen wir eigentlich Kunst oder Kultur?

Denn es gibt für mich einen entscheidenden Unterschied: Kunst beinhaltet definitionsgemäß das Neue. Kultur ist die Ausübung und Pflege von „Kulturgüter“, auf deren kulturellen Wert wir uns als Gesellschaft irgendwie haben einigen können. Im Falle der Musik ist dies das kanonisierte Repertoire, das wir pflegen, verehren, heiligsprechen und mit geradezu missionarischem Eifer „vermitteln“.

Wir können uns schnell darauf einigen, dass diese Kulturarbeit aktuell in unserer Kunstmusik extrem dominiert. Wir sind somit eigentlich gar keine Kunstmusikszene, sondern vielmehr eine musikalische Denkmalschutzszene. Wir gehen in der Regel nicht künstlerisch mit Musik um, sondern sind ihre Interpreten und sozusagen Pflichtverteidiger gegen unsere Zeit. So werden wir als Musiker heute erzogen.

Und doch ist diese bürgerliche gezähmte, zu harmloser Kultur verkommene und sogenannt „klassische“ Musik eindeutig allergrößte Kunst. Wie aber machen wir erlebbar, dass dies nicht nur zufällige Reste einer anderen Zeit sind? Überlieferte Fetzen eines Lebens, das nicht unseres ist und nicht unseres sein soll?

Die Vergangenheit ist ein fremdes Land, das wir scheinbar nur mittels der Kultur und nicht der Kunst betreten können. Wir gehen sehr weite Wege, um diese Vergangenheit durch Kulturpflege am Leben zu halten – und wer Musikhochschulen von innen erlebt hat weiß, dass hier Kulturpioniere erzogen werden, fleißige Musikvorsager, keine Künstler. Wer dabei glücklicherweise Künstler bleibt oder wird, hat dies trotz und nicht wegen des Musikstudiums geschafft.

Wir brauchen aber Menschen, die künstlerisch mit dieser klassischen Musik arbeiten und eben nicht nur Kultur reproduzieren. Und wir brauchen – mehr denn je – das Neue, sowohl im Werk als auch im Kontext der Aufführung. Es geht für mich nur, in dem wir Musik wieder als wirkliche Zeitkunst betrachten, die – sofern sie Kunst sein darf – im Moment neu erklingt und erlebt wird. Musik ist immer und definitionsgemäß eine zeitgenössische Angelegenheit: sie passiert hier und immer jetzt. Es gibt keine Musik, die nicht jetzt passiert – und wenn wir eine Melodie von Bach am Strand uns vorsummen, so wird sie doch nur in diesem Moment wahrhaftig. Das ist die Magie von Musik: sie ist ihrem Wesen nach jetzig, persönlich und immersiv.

Einer der größten Unverständlichkeiten des Musikbetriebs ist aber, dass gerade wir – die wir mit so künstlerisch wertvoller Musik zu tun haben – scheinbar alles dafür tun, um die Erfahrung dieser Musik möglichst zu normieren, zu standardisieren – kurz: furchtbar langweilig zu gestalten. Wir tun dies vor dem Deckmantel einer ganz tragisch missverstandenen Fokussierung auf die Musik. Denn das Gegenteil passiert: in keinem anderen Musikgenre findet so viel Zerstreuung, Programmheftleserei und gar Abdösen statt.

Denn eine künstlerische, heutige Resonanzerfahrung des Neuen ist keine Frage der Entstehungszeit der Musik, sondern vielmehr eine unserer Haltung ihr gegenüber und wie wir das Werk als Musikschaffende kontextualisieren, wie wir Situationen schaffen, die die Musik nicht neutralisieren. Ich war in Konzerte „Neuer Musik“, die schon bei der Uraufführung schlagartig musealisierte. Musikalische Totgeburte – oft nicht wegen der Musik, sondern weil der Rahmen der Musik einfach keine Chance gab.

Wann gelingt also das Neue? In der hier gebotenen Kürze nur drei für mich wesentliche Parameter:

Erstens: Mehr neue Musik programmieren: lass uns das einfach machen! Das Verhältnis umdrehen: 70% zeitgenössische Musik in ihrer ganzen Vielfalt, die weit mehr umfasst als die inzwischen altmodischen Kreise um Darmstadt/Donaueschingen. Es ist gar nicht so schwer, wenn wir dabei

zweitens: Konzerte komponieren: das Konzert als ein Werk denken, in dem Altes und Neues zu einem künstlerischen, sozial-ästhetischen Ganzen zusammenfließt, das weit mehr ist als eine Aneinanderreihung von Musikstücken. Wenn wir Konzertdesign als eine künstlerische Disziplin begreifen, dann eröffnet sich ein ganz neuer Raum des Neuen.

Und drittens: Überraschung statt Gewohnheit: an welche Konzerte der letzten Jahre könnt ihr euch erinnern? Die allermeisten nennen Beispiele, bei denen irgendetwas überraschendes, authentisches, den Rahmen durchbrechendes passiert ist. Das sind meist im Konzertablauf nicht vorgesehene Zufälligkeiten. Was aber, wenn wir die Überraschung, den offenen Raum aller musikalischen Möglichkeiten, die Komposition von Einmaligkeit – zum Prinzip eines Konzerts erheben? Ich glaube, gerade wir und gerade unsere Inhalte können einzigartige, auratische Erfahrungen bieten, für die es in der Gesellschaft immer mehr Sehnsucht gibt.

Aura schaffen wir durch Überraschung, durch Nähe und Immersion, durch die Entanonymisierung des Musikers, aber auch zum Beispiel dadurch, dass wir während eines formal eindeutigen, absehbaren Impulsbeitrags plötzlich mitten im Satz

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

aufhören zu reden. Wir sind aus der Gewohnheit, aus der ständigen Projektion des Kommenden herausgerissen, wir sind auf uns selbst zurückgeworfen, einsam vielleicht oder verunsichert.

Das Neue bedeutet für mich eine Form der Entrückung vom Bekannten, eine Auratisierung des Moments, ein Jetzt oder Nie. Ein Moment, in dem die Musik übergriffig oder gefährlich wird. Diese Momente, in denen wir uns nicht mehr so sicher vor der Musik sind. Wenn Musik Kunst sein darf. Dies ist eine künstlerische Aufgabe des Konzertdesigns (Folkert Uhde lässt grüßen), und zum Glück sind in den letzten Jahren Orte wie das Radialsystem entstanden, die dem Raum geben. Und Festivals wie das unsrige zeigen: es gibt sehr wohl Lust und Markt für Neues.

Wenn es hier um die „Kultur der Zukunft“ gehen soll, dann glaube ich, dass diese Kultur zunehmend künstlerisch sein muss. Die reine Reproduktion und Kulturpflege ist in den unendlich und sofort verfügbaren Weiten des Internets und der Streaming-Kataloge keine Aufgabe des Konzerts und der Musikproduktion mehr. In der Zukunft wird es immer mehr um Originalität und also das Neue oder wenigstens die neue Kuration und Kontextualisierung des Bekannten gehen, alles andere wird es sehr schwer haben.

Wie dieses Neue aussehen wird wissen wir nicht – aber die verlässlichste Art, die Zukunft vorauszusehen ist doch, sie zu gestalten.

 

Impulsbeitrag im Rahmen des Forums „10 Herausforderungen“ zum zehnjährigen Jubiliäum des Radialsystem V Berlin.

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