Lost in Beethoven


Mit einem Künstlergenie der Musikgeschichte wie – sagen wir – Ludwig van Beethoven endet mindestens so viel, wie mit ihm beginnt. Wenn Hesse sagt, dass „jedem Anfang ein Zauber“ inne wohne, dann liegt dieser Zauber nicht nur im Anfangen, sondern auch im Enden des Vorherigen. Wenn nichts mehr stirbt, dann lebt auch nichts mehr.

Es gibt diese politische und philosophische Theorie vom Ende der Geschichte, in dem sich alle Evolution und Dialektik irgendwann auflöst. Eine ökonomische und politische Gesellschaftsform setzt sich durch und bildet einen statischen Endpunkt aller Entwicklungen. Marx und Hegel und Fukuyama schrieben viel davon. Eine seltsam furchtbare Vorstellung: eine Welt, die nicht mehr zu retten ist, weil sie so gut ist, wie sie nur sein kann.

Ein bisschen scheint es ja gerade so zu sein, als seien wir an einem solchen „Ende der Geschichte“ angelangt. Zwar ist nur wenig auf der Welt perfekt, aber seit dem erbärmlichen Zusammenbruch der sozialistischen Experimente wirken die Antworten auf die großen Fragen des Zusammenlebens auf diesem Planeten klar und alternativlos: natürlich ist es die Demokratie, logischerweise die Globalisierung, na klar die ein oder andere Form der Marktwirtschaft. Erst das jüngste Erstarken von autoritären und protektionistischen Regimes erinnert uns daran, dass es auch ganz anders, bisweilen sehr viel schlimmer kommen kann. Aber eine Utopie für und Sehnsucht nach zukünftigen, grundsätzlich anderen Formen des (Zusammen-)Lebens auf diesem Planeten? Nicht in Sicht.

Postmoderne und Regression

Es gibt zu all dem Parallelen in der Musik. Auch das Musikschaffen hat auf eigenartige Weise ihren geschichtlichen Antriebsmoment verloren. Die Moderne war noch von Aufbruch und dem Cliché des trotzig und wütend dreinblickenden Beethoven geprägt, dessen Rocker-Attitüde sich noch bei Strawinsky und Schönberg fortsetzte. Meinetwegen gab es dann auch noch eine musikalische Zweite Moderne mit ein paar Bad-Boys wie Boulez und Stockhausen, die noch ein bisschen Ärger und Disruption verursachten. Aber seitdem ist auch das zeitgenössische Musikschaffen angelangt in der Postmoderne, die das Innovationsstreben der Moderne grundsätzlich ablehnt und als lediglich habituell und irgendwie faschistoid verurteilen. Die totale Relativierung der ästhetischen Grundannahmen im Zuge des postmodernen Denkens hat auch in der Neuen Musik zu einer künstlerischen Orientierungslosigkeit geführt. Möglicherweise verpasse ich etwas, aber mir erscheint die Neue Musik weitgehend in ihrer atonalen Verbohrtheit entweder altmodisch (klingt wie 70er Jahre) oder oft auch beliebig in der Wahl der Mittel (irgendwas mit Video und/oder live-Elektronik). Mir fällt ansonsten außer virtuose musikalische Gefälligkeiten, die mir im Zweifel lieber sind, aktuell auch nicht viel Neues ein – der geschichtliche Motor ist in Ermangelung von Grundlagen und Narrative, die sich in dieser Postmoderne auflösen,  scheinbar erlahmt.

Einstweilen hören und spielen die allermeisten in unserem ohnehin kleinen Bereich nur noch Brahms, Wagner, Beethoven, Bach etc. (ich spreche hier zwar freilich von der sog. „Kunstmusik“, aber es wird argumentiert, dass in der Popkultur eine ähnliche Entwicklung stattfindet). Die Regression und der Denkmalschutz als einziger Ausweg aus der künstlerischen Beliebigkeit unserer Zeit, quasi als postmodernen Endpunkt der Musikgeschichte. Ist es das wirklich?

In der musikalischen Konzept- und Medienkunst der letzten Jahrzehnte mag vielleicht wirklich Neues und Originelles entstanden sein, es bleibt aber – meines Erachtens – eigenartig blutleer, sehr souverän und noch immer in ihrer Verweigerung von Narration ziemlich „postmodern“. Und die Dynamik unter uns sieht übrigens ungefähr so aus:

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Quelle: Kreidler

Ich will überhaupt nicht in Abrede stellen, dass in letzter Zeit auch viel große Kunstmusik und tolle Unterhaltung (auch eine Kunst!) entstanden ist. Aber im Großen und Ganzen finde ich – sofern Selbstdiagnosen zulässig sind – unsere psychologische Gemengelage in der „klassischen“ Musikwelt problematisch oder wenigstens interessant: eine Mischung aus Regression, Angst vor Bedeutungslosigkeit, einem verbrämten, immer etwas verletzten Narzissmus gepaart mit sehr hartnäckigem Konservativismus bei gleichzeitiger Sehnsucht nach Street-Credibility und einfacher, schlichter Anschlussfähigkeit – und all das im Rahmen einer rührend humanistischen Bildungsbürgerlichkeit. Ein solch konfuser Zustand ist wohl nur in der Postmoderne möglich.

Vielleicht hat die Moderne ja die Menschheit wirklich mit idealistischen Zumutungen und humanistischen Idealen geködert und in die großen Zivilisationskatastrophen des 20. Jahrhundert verführt. Möglicherweise fällt es uns deshalb so schwer, in eine neue Zeit zu treten. Aber diese Beliebigkeit und verklemmte Selbstverachtung kann doch nicht das Ende unserer Geschichte sein, oder? Was wäre, wenn wir wieder wilde Träume hätten und Utopien formulierten und weinten und rauschhafte Freude an unserem (Musik-)Schaffen empfänden? Mal wieder in einem integrierten Zustand der Menschlichkeit sein, und dazu musikalische Narrative, die nach heute klingen – wer sucht mit?

Jetzt bloß nicht die Wut verlieren

Stattdessen hören wir Beethoven und re-inszenieren immer wieder die Geschichte dieses ungeduldigen, wütenden, bereits sehr romantischen Komponisten, der genau dieses utopistische Denken verkörperte und mit seinem wallenden Haar zum Posterboy der Moderne werden sollte. Die Erzählung von Beethoven ist – stellvertretend für alle anderen „Meister“ der „klassischen Musik“ – so routiniert geworden. Das von ihm mitgeprägte Bild des radikalen Künstler ist fast schon Folklore. Nur manchmal, in ganz besonderen musikalischen Momenten, können wir der bürgerlichen Entschärfung entkommen und hören, welche Sprengkraft eigentlich in dieser Musik steckt.

Die Geschichte von Beethoven – und wenn sie nur eine Kultur gewordene Projektion ist – war eigentlich nur der Anfang einer Geschichte. Es folgten Jahrzehnte der Romantik und Moderne, die darauf aufbauten. Wirkt es aber nur mir so, als wäre unser Musikschaffen heute nur ein Nachtrag, ein Appendix, ein P.S. auf die Musikgeschichte der Moderne? Als sei schon alles gesagt worden und wir hätten an der vollendeten Historie eigentlich nur noch einen kleinen postmodernen Kommentar hier abzugeben, einen kruden Beat da darunterzulegen und ein sprödes Add-On dort anzukleben? Es muss ein ungesundes Zeichen sein, wenn die kümmerliche Gegenwart so dermaßen von der scheinbar übervollen Vergangenheit überlagert wird. Ich habe nichts gegen Vergangenheit und alles gegen Geschichtsvergessenheit, aber was ist mit der Lust auf Zukunft? Und selbst wenn wir das Produkt der Vergangenheit sind: was mehr als die Zukunft bleibt uns übrig?

Beethoven.

Ludwig van Beethoven wurde nun schon ein paar Mal für diesen Blogpost missbraucht. Er kann ja nichts dafür, dass er zum Vorzeigekomponisten einer Musik (der „klassischen“) wurde, die wir noch immer zu Recht so sehr lieben. Er steht aber auch für ein künstlerisches Narrativ, das – egal wie wir es versuchen – heute nicht mehr unser ist und unser auch nicht sein will. Aus diesem performativen Widerspruch kommen wir einfach nicht heraus, egal wie viel „Vermittlung“ wir betreiben. Die Vergangenheit ist ein fremdes Land – und die Weltflucht dorthin birgt Gefahren. We are lost in Beethoven.

Und doch hat diese Vergangenheit natürlich einen großen Wert. Im Fall von Beethoven mindestens 27 Millionen Euro, die allein vom Bund und nur für das anstehende Beethoven Jubiläum im Jahre 2020 im Koalitionsvertrag (ja, der Ludwig van B. hat es bis da hinein geschafft!) festgehalten wurde. „Der 250. Geburtstag bietet herausragende Chancen für die Kulturnation Deutschland im In- und Ausland“, heißt es dort. Die Bundesregierung spricht von Beethoven als eine „kulturelle Weltmarke“, sein „radikales Künstlertum inspiriert die Musikwelt bis heute“.

Wirklich?

Mir wirkt es vielmehr so, dass wir mit unserem rückwärtigen Musikschaffen heute durch und durch domestiziert sind. Das kunsthistorische Exponat Beethoven ist so harmlos geworden, selbst wenn die Musik niemals harmlos ist. Der Journalist Christopher Warmuth hat es schön formuliert: „Beethoven kennt jeder, Beethoven liebt jeder, jedenfalls tut er niemandem mehr weh.“ Auch dies ist ein eigenartiges Phänomen unserer kapitalistischen Epoche: wir sehen einen Wert in kulturellen Marken, wir investieren in Denkmäler, auch die objektbasierte Arbeit und Existenz des Künstlers und Musikers hat einen darstellbaren Wert (besonders wenn er ein „Star“ ist). Aber der eigentliche Inhalt, die ungreifbare Bedeutung, die Interpretation – diese jedes Mal neu zu verhandelnde, sich entfaltende Sinnstiftung wird so oft einfach in dieser transaktionalen Wertlogik absorbiert, als spiele sie gar keine Rolle mehr. Dabei ist dies genau der Wert der Kunst, auch wenn sie dann vielleicht manchmal weh tut.

#bebeethoven

Es ist nun leicht einen launischen und pointierten Blogeintrag über dieses Thema zu schreiben. Deutlich schwerer ist es, sich diesen Mechanismen zu entziehen. Zumal dann, wenn man – wie ich absolut freimütig zugeben würde – sehr ausschweifend daran teilgenommen hat und noch immer teilnimmt. In der Beethoven-Sache sind wir nun bei PODIUM Esslingen auch noch sehr intensiv und voller Freude mitgefangen und mitgehangen, in dem wir dank der großzügigen Förderung der Kulturstiftung des Bundes (komplementiert durch Mittel des Landes Baden-Württemberg) anlässlich des Beethoven-Jahres 2020 ein großes Fellowship starten dürfen. Unter dem größenwahnsinnigen Hashtag #bebeethoven gehen wir in Anlehnung an die obigen Ausführung davon aus, dass wir nicht mehr nur Beethoven spielen, sondern eigentlich Beethoven „sein“ müssen. Aus dem wahrlich atemberaubenden Beethoven’schen Wirken und Schaffen leiten sich viele kompositorische, interpretatorische, politische, performative und technologische Zukunftsfragen ab, die wir gemeinsam mit 12 Künstlern und 6 Partnern über mehrere Jahre bearbeiten wollen. Es ist der Versuch, sich tatsächlich von diesem radikalen Künstlertum inspirieren zu lassen und ihn in die Zukunft zu tragen. Wir freuen uns über das entgegengebrachte Vertrauen. Vielleicht können wir auch irgendwann von rechtfertigenden Beethoven-Phrasen ablassen, wie z.B. dass Beethoven nicht uns braucht, sondern wir Beethoven; dass es darum gehe, die Glut zu bewahren und nicht die Asche anzubeten, und so weiter… noch brauchen wir offenbar Beethoven als Ausrede, um selbst originär künstlerisch zu arbeiten. Das könnte alles noch interessant werden, denn #bebeethoven heißt vielleicht bisweilen, Beethoven zu überwinden.

Wir suchen also mit diesem Programm neue Anfänge an den Schnittstellen zu neuen musikalischen Möglichkeiten. Es geht um Visionen und ganz konkrete Ansätze, wie wir mit der Welt von heute musikalisch umgehen können – sowohl mit Neuer Musik, als auch mit der Erzählung, Kontextualisierung und Inszenierung des großen Schatzes fantastischer Musik der Vergangenheit. Wir gehen dabei wie immer mit einer Euphorie der Ignoranz vor – denn zu viel Wissen schafft oft schlechtes Gewissen und von Bildung kommt nicht selten Einbildung. Wissen und Bildung sind immens wichtig, aber ein bisschen mehr Naivität, Neugier und Mut täte uns insgesamt sehr gut. Wir suchen diesen Mut, auf möglichst hohem Niveau Anfänger zu sein.

Geschichte ist, was die Gegenwart der Zukunft schuldet, während sie zur Vergangenheit wird. Was schulden wir der Zukunft, damit man in 250 Jahren vielleicht die Musik unserer Generation feiert, und nicht nur den 500. Beethoven-Geburtstag? Was können wir heute tun, damit Beethoven dann überhaupt noch Teil des musikalischen Horizonts ist?

Man muss was sein, wenn man was scheinen will, hat Beethoven einmal geschrieben. Was sind wir? Und wie klingt das? Und was sagt unser Musikschaffen über unsere Zeit aus? Und wie verhält sich dies zur Vergangenheit? Ich glaube, mit vielen, vielfältigen Antworten feiern wir am besten den guten, wunderbaren Ludwig.
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von Steven Walter (Künstlerischer Leiter PODIUM Esslingen)
Mehr Informationen zum #bebeethoven Programm werden in Bälde veröffentlicht.

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