On Air


Ich die Maschine. Du der Mensch. Wir die Musik!

Die ich rief, die Geister, werd‘ ich nun nicht los… Kennen Sie das, diese Angst davor, dass wir Menschen irgendwann, in naher oder ferner Zukunft, die Kontrolle über unseren Alltag, unsere Privatsphäre, unser Leben verlieren könnten? An Maschinen, Datenbanken und Algorithmen, die uns als Konsumenten, als Nummer, als Objekt einordnen? Mir geht es öfter so, wenn ich Berichte über immer neue Entwicklungen im Bereich der künstlichen Intelligenz lese, wenn ich mir manchmal versuche zu vergegenwärtigen, wie weit man unsere Welt kontrollieren könnte, hätte man nur Zugriff auf alle mit dem Internet verbundenen Computersysteme dieser Welt. Beklemmung stellt sich da bei mir ein. Aber woher diese negativen Gefühle? Woher die Assoziation, die Vorstellung, dass Maschinen es uns Menschen gleichtun würden und die Fähigkeit zur Macht über andere auch zwangsläufig zu deren Ausübung nutzen würden? Warum trauen wir Maschinen so selten auch eine emotionale, weiche Seite zu? Ist es derart unvorstellbar, dass die Welt der Gefühle nicht nur für Menschen, sondern auch für künstliche Intelligenzen eine sehr wichtige Rolle spielt? Dass zum Beispiel Musik auch für Maschinen berührend sein kann? Oder umgekehrt, dass uns Menschen Musik aus der „Feder“ von Algorithmen berührt?

Wenn man sich mit diesem Thema näher beschäftigt, kommt man an David Cope nicht vorbei. David Cope, amerikanischer Komponist und Pionier im Bereich der algorithmischen Computermusik, hat schon vor Jahren mit „Emily Howell“ eine künstliche Intelligenz geschaffen, die selbst komponiert. Sie imitiert täuschend echt die Stile großer Meister – aber darüber hinaus hat sie einen eignen Stil entwickelt und nie Gehörtes entstehen lassen.

Menschliche Emotionen, empfindsame Maschinen, Computer-Musik gespielt von Musikern aus Fleisch und Blut – in diesem Spannungsfeld bewegt sich die einzigartige Produktion „On Air | Ich die Maschine. Du der Mensch. Wir die Musik!“ Wie soll man sich das vorstellen? Der Autor Jochen Dreier hat ein zweistündiges Hörspiel verfasst, in dem die erfolgreichste „Maschinen-Komponistin“ aller Zeiten auf einen Menschen trifft – moderiert wird das Ganze von einem großen Datenspeicher. Es entspinnt sich eine spannungsvolle Begegnung, in der die vermeintlich so klaren Grenzen zwischen Mensch und Maschine immer mehr verwischen. Wer kontrolliert, wer fühlt, wer denkt – Figuren und Publikum begeben sich gemeinsam auf die Suche nach Antworten. Dabei geht es um Musik – und die erklingt in unterschiedlichen Besetzungen. Klavier, Streicher, Klarinette und Ensembles spielen Werke von Emily Howell und anderen Musikmaschinen.

Für mich ist der Abend eine Gleichung mit vielen Unbekannten: Vielleicht endet alles in einem technischen Defekt, verursacht durch menschliches Versagen. Vielleicht sehen wir am Ende weinende Algorithmen und Menschen mit Syntax-Error. Vielleicht vergessen wir alle, dass die Musik nicht von Bach, Chopin und Schönberg war. Und vielleicht bringt uns “On Air | Ich die Maschine. Du der Mensch. Wir die Musik!” dazu, unser Verhältnis zu Computern, Maschinen und künstlicher Intelligenz in Zukunft anders zu denken.

Ich glaube, dass uns der Autor Jochen Dreier, die Schauspieler und Musiker auf eine spannende Reise mitnehmen werden! Ich bin neugierig, wie wohl die erste Live-Radioproduktion in der Geschichte des PODIUM Festivals ablaufen wird. Und ich hoffe, dass uns viele Menschen live in der Scala und zu Hause vor dem Radio begleiten bei dieser Erkundung von Maschine, Mensch und Musik…

Text: Sebastian Keller
Abendspielleitung „On Air | Ich die Maschine. Du der Mensch. Wir die Musik!“

Weitere Informationen zu “On Air | Ich die Maschine. Du der Mensch. Wir die Musik!” hier.

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