Schönheit wagen


Gleich zu Beginn das Bekenntnis, damit die Position klar ist und ihr das Folgende schon jetzt je nach Vorurteil richtig und gut oder ganz falsch und faschistoid finden könnt: Wir bei PODIUM, wir lieben Schönheit. Wir lieben Hingabe, Poesie, Sinnlichkeit, wir lieben auch den Rausch. Wir lieben Liebe. Und ich persönlich bin überdies fest davon überzeugt: es gibt nichts erstrebenswerteres für uns als Musikschaffende, als dem Publikum ein Schönheitserlebnis – in diesem offenen Sinne – zu schenken.
 Es ist dieses Geschenk, das eigentlich doch unsere Kunst ist, jedenfalls hat sich der größte Teil der Musikgeschichte obsessiv damit beschäftigt. Was aber zum Teufel ist eigentlich in den letzten sechs, sieben Jahrzehnten in unserer sogenannten „Kunstmusik“ passiert, dass die Schönheit in der Musik nurmehr unter dem verbrämten und verschämten Deckmantel einer schwelgerisch-nostalgischen, jedoch bildungsbürgerlich-verkopften Musealisierung namens „klassischer Musik“ ausgelebt wird? Die Neue Musik und insbesondere das Konzertdesign ist ansonsten weitgehend befreit von Spaß, Rausch und Schönheit (die zahlreichen guten Ausnahmen bestätigen die noch viel zu starke Regel). Ab und zu lässt man als „guilty pleasures“ ein paar poppige Minimalisten und Neo-Romantiker gewähren und man macht mal ein Clubkonzert oder so  – aber jetzt mal strukturell und wesentlich: really? Wollen wir die ganze Poesie, die Möglichkeit einer inneren Rührung, die Chance der Überwältigung, dieses ganze rock’n’roll: wollen wir all das wirklich komplett anderen Genres und Subkulturen überlassen? Ich finde nicht, denn es gibt aus der Dynamik und Emotionalität der Musik heraus keinen einzigen Grund, diese Erlebniszensur zu akzeptieren und die Musik in ihrer Entfaltung derart zu hemmen.

Das A und O beginnt mit A und endet mit O: Adorno

Eine nunmehr über sechzig Jahre alte Denkschule liefert immer noch den intellektuellen Referenzrahmen und gleichzeitig den Endgegner, das A und O, wenn es um diesen Diskurs geht: die von Theoder W. Adorno geprägte Kritik der Kulturindustrie. Ihr wisst schon: die authentische, bürgerliche Kunst, die gegen die kulturindustrielle Warenmusik unbedingt zu verteidigen ist. So klug und eloquent diese Darstellungen sind und so geschichtlich nachvollziehbar seine Haltung, es sei „nach Ausschwitz barbarisch, ein Gedicht zu schreiben“, ist – so verheerend wirkt doch bis heute vor allem in der Musik  die unsägliche kategorische Trennung zwischen „ernst“ und „unterhaltsam“, zwischen „Kunst“ und „Publikum“ fort.

Es ist wohl auch ein verschärft deutsches Problem: nach den Kriegen, diesen zwei großen, deutschen Zivilisationskatastrophen, war – und ist man bis heute – jedem emotionalen Kontrollverlust und erst recht einem kollektiven Rauschzustand gegenüber sehr skeptisch. Auch jede Verwendung von archaischen Mitteln oder Hinwendung zur Natur war plötzlich sehr nah am Faschismus. In der damaligen Zeit verständlich, aber heute noch? Eine schöne Melodie und eine grüne Hügellandschaft in einem Nazi-Propagandafilm ist natürlich abscheulich – aber: die Melodie und Hügellandschaft an sich, ohne Nazis, was ist daran falsch?

Poptimismus vs. Rockismus

Meine lücken- und laienhafte Analyse unserer Entfremdung zur Schönheit hat mich zu einem spannenden Diskurs, der vor allem in der US-Amerikanischen Popkritik seit ca. 20 Jahren läuft, geführt. Die Popkritik wurde dort immer von den sogenannten Rockisten geprägt: innovative und unangepasste Künstler – Rocker wie Curt Cobain, Bob Dylan und Bands wie Led Zeppelin – wurden von der Kritik als Genies bejubelt, wohingegen massenbewegende Stars wie Marvin Gaye und Madonna (oder die einschlägigen Größen des HipHop, R&B, Funk und Soul) als einfache „Pop-Künstler“ abgetan wurden, obwohl sie nachweislich stilprägend waren. Auch hier wieder: es ist einfach suspekt, wenn ein Künstler zu viele Menschen erreicht (wobei da wohl auch schlicht eine Portion Rassismus und Sexismus eine Rolle spielte).
Dem entgegen entstand im letzten Jahrzehnt die Strömung der Poptimisten, die das Erreichen der Massen selbst zu einer künstlerischen Kennzahl ernannten. Es ist demnach gut und geradezu umso mehr Kunst, wenn sehr viele Leute erreicht werden. Ein Beispiel für ein Poptimismus-Liebling ist Taylor Swift: unverfängliche, naive Musik mit extremer Reichweite und cleverer, authentischer Selbstvermarktung. Es geht hier gar nicht um musikalische Originalität, sondern im Wesentlichen um die Bespielung von Massen anhand von Musik, was ja selbst eine große Kunst sein kann. Und wie Carl Wilson in seinem wunderbaren Buch und Selbstversuch Let’s Talk about Love erkennt, finden hier sehr wahrhaftige musikalische Erfahrungen statt, selbst wenn wir Qualitätsorientierten uns das bei den Inhalten kaum vorstellen können.

Aber seien wir ehrlich: wer mag nicht einmal eine schlichte, schöne Melodie, mit einfacher, effektiver Harmonik? Wir flüchten dazu in die „verständlichere“ klassische Musik (andere hören halt Celine Dion), aber warum kann es nicht mehr zeitgenössische Musik mit Schönheits- und Kunstanspruch, die weit über unsere einigermaßen sado-masochistische Neue-Musik-Szene hinauswächst, geben? Ein bisschen mehr Poptimismus für die Neue Musik? Und bitte: Schönheit bedeutet bloß nicht C-Dur und drei Akkorde, es bedeutet nicht einmal eine Form von Tonalität – es bedeutet für mich: den Willen zu haben, irgendeine Schönheit oder Sinnlichkeit oder wenigstens Kommunikation herzustellen, wie auch immer.

Der Originaltätsdruck Neuer Musik geht weit zurück: seit Beethoven, der große Innovator, sozusagen der Urvater der Rockisten, herrscht ein immenser Druck, dass jedes Werk tiefgehend eine Aussage fällt und etwas neues bietet. Das ist gut, das hat uns unglaubliche Musik beschert. Es hat allerdings auch dazu geführt, dass wir seitdem immer neurotischer das Neue, Unerhörte, Radikale suchen und hochjubeln – und dabei die musikalischen Aspekte der Kommunikation, der Gemeinschaft, der Emotion und Schönheit (alles noch bei Beethoven unleugbar wesentlich) fast gänzlich verloren. Dabei wurde die Deutungshoheit über Wert und Ästhetik der neuen Musik irgendwann von Theoretikern wie Adorno beansprucht. Wir haben uns dem hingegeben und die ganz extrem wichtigen musikalischen Parameter Schönheit und Sinnlichkeit ausgeklammert und verdrängt. So haben wir auch im 20. und 21. Jahrhundert diese unglückliche Polarisierung zwischen poptimistischen Komponisten und Kunst-Rockisten: Sibelius wird niemals die Anerkennung eines Strawinsky kriegen, John Adams wird weiter belächelt während Stockhausen noch lebend zur Legende wird – egal, ob das Publikum erstere Beispiele unbedingt bevorzugt.

Die Katharsis ist immer peinlich

Es gibt, glaube ich, bei all dem noch eine vielleicht in Deutschland mehr also sonstwo ausgeprägte  Angst, Emotionen auszuleben. Wir werden gesellschaftlich erzogen, dem Kunstwerk neugierig, aber mit Distanz und intellektuell souverän und kontrolliert entgegen zu treten, und sowieso immer eine kluge Meinung dazu zu haben. Wir haben große Angst vor der Enthemmung und Überwältigung. Ein alter und wesentlicher Mechanismus der Kunst, die gute alte Katharsis, wird verdrängt und vermieden, denn: sie ist immer peinlich. Ein überwältigter Mann nach dem Finale, eine weinende Hörerin im langsamen Satz – das ist doch peinlich. So lästern wir fremdschämend über die Horde junger Menschen, die heulend Taylor Swift hören; und erwischen uns dabei, wie es uns selbst lustvoll schaudert, wenn wir versteckt hinter Kopfhörer oder im stillen Kämmerlein dem Höhepunkt der Bruckner Sinfonie entgegenhören, oder uns tanzend gehen lassen im gnadenlosen Rhythmus von Steve Reich. Die Peinlichkeit wird privatisiert, bloß nichts Unkontrolliertes zeigen.

Denn auch wir verklemmten und sinnlich zukurzgekommenen Kunstmusikmenschen haben eine keusche, etwas verschämte aber sehr mächtige Lust darauf, uns musikalischen Zuständen von Schönheit und Rausch auszusetzen. Und unsere unglaublich vielfältige, farbenreiche Musik kann eigentlich genau das besonders gut, wenn sie entsprechend programmiert und inszeniert wird. Ich glaube es ist okay, wenn wir nun mal alle anfangen, diese Dimensionen von Musik ein bisschen mehr zu zelebrieren.

Und jetzt der Werbeblock:

—————————————————–
VIER SCHÖNHEITEN
PODIUM bespielt das Kloster Bebenhausen.
—————————————————–
In diesem Sinne verstehen wir bei PODIUM Esslingen unsere Ansatz des Konzertdesigns. Und aus aktuellem Anlass: wir erforschen vom 12.-14. August im wundervollen Kloster Bebenhausen in vier Konzerten sehr unterschiedliche Schönheitsvisionen. Ihr werdet überrascht sein, wie vielfältig sich Schönheit zusammen setzen kann!

Hinterlassen sie einen Kommentar

Schließen
Schließen