Sieben Klassiksünden


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1.) Die Langeweile

Wenn man herumfragt, warum so viele Menschen die klassische Musik als durchweg langweilige Veranstaltung wahrnehmen, so kommt man selten über die Musik selbst ins Gespräch. Immer geht es um solch scheinbare Nebensächlichkeiten wie den schlampigen Auftritt der Musiker, das ewige, langweilige Stimmen des Orchesters, das seltsame Auftrittsprotokoll mit dem Dirigenten, der ewig auf sich warten lässt, dieses eigenartig zahme Klatschen nach dem Stück, die Husterei zwischen den Sätzen, das Herumstehen mit uninspiriertem Sekt in der Pause, das traurige, leere Foyer 5 Minuten nach dem Ende, und so weiter…

Die Musik scheint jedenfalls nie so richtig das Problem zu sein. Das Problem scheint dazwischen, davor und danach zu liegen: es ist die Langeweile im Ablauf, die Lieblosigkeit des Rahmens, die Körperlosigkeit der Rezeptionssituation, die so oft für so viele Menschen ein off-turner ist. Wir neutralisieren die grandiose, spannende, intensive Musik in profanen, vorhersehbaren und schlaffen Konzertsituationen. „Drama ist die Realität minus den langweiligen Teilen“, hat Alfred Hitchcock mal gesagt. In diesem Sinne brauchen wir ein musikalischeres Veranstalten, das mit der Qualität der Musik einher geht – und der Musik insbesondere nicht im Weg steht. Und natürlich gehe ich hier und im Folgenden davon aus, dass die Qualität der Musik exzellent ist, denn schlechte Aufführungen braucht nun wirklich niemand.

2.) Die Musikvermittlung

Wann fingen wir eigentlich mit der eigenartigen Idee an, Musik zu vermitteln? In welchem Moment wurde aus der Musik ein pädagogischer Vermittlungsgegenstand? Wann auch immer diese Wende stattfand: es war ein trauriger Moment für die Musik – ein Bruch mit der Welt da draußen, von der sie sich nie recht erholt hat. Seither findet der Umgang mit der Musik vor allem mit den Samthandschuhen übertriebener Ehrfurcht oder einer Klassik-light-Keule, die alles vereinfacht und verniedlicht, statt. Doch damit tut man natürlich einer zunehmend professionalisierten Musikvermittlungs-Bizz sehr unrecht: es gibt virtuose, ausgeklügelte und wunderbare Projekte und Produktionen der Musikvermittlung. Es gibt sogar inzwischen eine Horde Komponisten, die dafür komponieren. Musikvermittlungsmusik sozusagen. Aber schon der Umstand, dass sich eine Musikvermittlung derart von der Musik verselbstständigt, sollte uns allmählich stutzig machen…

3.) Die Stars & Sternchen

Ein bedauerlicher Rettungsimpuls der klassischen Musikindustrie ist der klägliche Versuch, show- und markttaugliche „Stars & Sternchen“ aus den besseraussehenden jungen Musikerinnen und Musikern zu machen. Es ist furchtbar, was da passiert. Diese „Projekte“ resultieren fast immer in klassische lose-lose-Situationen, die weder der Musik noch dem Künstler dienen. Der Musik nicht, weil vor lauter Anbiederung der kleinste gemeinsame Nenner und also keine gute Musik dabei herauskommt. Dem Künstler nicht, weil die Halbwertszeit des nächsten „großen Virtuosen“ oder der nächsten „Stargeigerin“ immer kürzer wird. Hier werden Talente verheizt ohne Ende. Doch die vielen Wettbewerbe im Zeitalter der Verwettbewerbung aller schönen Dinge fluten immer neue Hoffnungsvolle auf den Markt, denen eine Solokarriere eingeredet wurde. Dieses kaputte System aus Wettbewerben und völlig unnachhaltigen Karrieren muss doch ein Ende haben, oder?

4.) Das Repertoire & die Anbetung der Toten

Und wann fingen wir eigentlich damit an, in die Vergangenheit zu schauen und einen Katalog von Musik zusammenzustellen, der nun fortan als „Repertoire“ galt? Bestimmt waren und sind da starke sozial-ästhetische Mechanismen am Werk, die einem eingespielten Werke-Kanon eine unwiderstehliche Aura einhauchen, aber fest steht doch auch: es ist für 95% unserer Bevölkerung langweilig und abschreckend, wenn auf einem Plakat von J. Brahms op. 56a und J.S. Bach BWV Anh. 208 und F. Schubert D.935 Op. posth. 142 die Rede ist. Wer soll das kapieren? Wer soll angesprochen werden? Doch nur die, die schon längst katholisch sind. Ich liebe diese „klassischen“ Komponisten und sie gehören zu den tollsten Künstlern, die die Menschheit hervorgebracht hat. Aber wir müssen aufhören, sie als in Stein gemeißelte Repertoire-Größen zu sehen. Wenn die Welt da draußen denkt, es gäbe in unserer Szene nur tote Menschen – und sie alle sind sehr, sehr wichtig! – dann sind wir doch nur noch Denkmalschützer. Und ich weigere mich, den Job so zu sehen.

 

5.) Die Historisierung

Bei der Klassik ist alles „klassisch“. Das Gebäude, in dem sie stattfindet. Die Kleider, in denen sie gespielt wird. Das Format, durch das sie rezipiert wird. In so vielerlei Hinsicht ist ein klassisches Konzert eine Zeitreise. Und dann sind da ja auch noch die ganzen toten Komponisten. Das klassische Konzert als museale Zeitreise – warum auch nicht?, könnte man meinen. Wenn man die Musik jedoch als eine lebendige, stets im Moment wirklich werdende Sache sieht, dann ist dieses historisierende Drumherum doch irgendwie stark im Weg. Denn das Drumherum sorgt für einen Kontext, der die Musik zu einem staubigen Bildungsgegenstand macht, zu einem entrückten Artefakt, wo sie doch ein dynamischer Erlebnisraum ist. Musik ist eine Zeitkunst, die im Konzertmoment, nur jetzt, nur hier, entsteht. Dann ist es egal, ob die Musik „alt“ oder „neu“ ist. Sie ist jetzt. Jede Historisierung und Musealisierung steht diesem Erlebnis im Weg.

6.) Das Wort „Klassik“

An Sünde Nr. 5 anschließend, ein großes Fundamentalproblem: der Begriff „Klassik“. Es ist ein bisschen so – um ein hinkendes Beispiel zu bemühen – als würde Coca-Cola alles, was sie produziert, Coca-Cola nennen. Als käme die Firma nicht auf die Idee, grundsätzlich andere Geschmackswelten zum Beispiel mit den Namen „Sprite“ oder „Mezzo-Mix“ oder „Fanta“ zu versehen. Wir leben in einer Musikwelt, in der wir alles als „Klassik“ bezeichnen, womit wir zu tun haben. Egal ob Renaissance, Barock, Klassik (die eigentliche), Romantik, Moderne, Post-Moderne, Post-Post-Moderne: alles ist irgendwie „Klassik“, alles irgendwie Einheits-Cola, egal wie unterschiedlich diese Welten sind. Das ist furchtbar, denn wir werden, sofern wir ein Cello oder ein Flöte in die Hand nehmen, von 95% der Menschen da draußen augenblicklich mit „Eine Kleine Nachtmusik“, „Ave Maria“, „Für Elise“ oder den ersten vier Takten von „Beethovens Sinfonie, die Bekannte, mit dem tatatataaaa“ assoziiert. Denn für die allermeisten Menschen da draußen sind das die Klassik-Referenzen. Die Vielfalt dessen, war wir tun, findet sich in den Köpfen nicht wieder. Woran liegt das? Ich weiß es nicht, aber ich vermute, dass wir selbst an den Klischees schuld sind. Es muss jedenfalls möglich sein, Kunstmusik zu machen, und trotzdem für etwas anderes als diese „Klassik“ zu stehen. Man fängt vielleicht damit an, indem man dieses Wort wie die Pest vermeidet.

7.) Das Gerede um die Klassik-Krise, Blogposts wie dieser etc.

Zuletzt ist vielleicht das allersündhafteste und allerbedenklichste an unserer Klassik-(shit, schon wieder das Wort benutzt)-Szene die Tatsache, dass wir uns in einer Mischung aus übelgelaunter Selbstverachtung und beleidigtem Geltungsbedürfnis ständig schlecht machen, indem wir andauernd die „Krise der Klassik“ heraufbeschwören und über „alternde Zuschauer“ klagen und wahlweise mal über die ignorante Kulturpolitik, mal über die eigene Unfähigkeit, „relevant“ zu sein, hadern. Eine Klassik-Szene, die derart mit sich selbst und ihrem eigenen Untergang beschäftigt ist, kann nicht allzu attraktiv sein. Aber just in diesem Moment erheben schon die vielen „jetzt-erst-recht-Konservativen“ das Wort und behaupten, es gäbe keine Krise, es hätte auch nie eine gegeben. Alles gut also — und doch dreht sich alles eigenartig im Kreis um die eigene Marginalität und drohende Unbedeutsamkeit. Und dann gibt es solche, die einen Blogpost zu den Klassik-Sünden schreiben und dabei nur frech Öl ins Feuer gießen, damit alles sich noch ein kleines bisschen schneller im eigenen Kreis drehen möge.

 

Das bringt natürlich nichts und ist selbst irgendwie sündhaft. Aber was etwas bringt, das ist das Rausgehen und Tätigwerden und Verändern. Und genau das machen wir ja hier bei PODIUM. Wenn ihr den Versuch (!) praktischer, positiver Antworten auf diese steilen Sünden-Thesen haben wollt: kommt vorbei, 14.-23. April 2016, im schönen Esslingen!

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