Trip mit Schumann


Ein Gespräch mit Regisseur Daniel Pfluger zu den "Szenen der Frühe"

Die „Szenen der Frühe“ sind eine „Konzerterzählung“. Weshalb brauchen wir solche besonderen Konzertformate?

Wir befinden uns in einer Zeit, wo die Grenzen geöffnet werden – in vielerlei Hinsicht, nicht nur innen- oder außenpolitisch, sondern auch in der Kunst. Die Kunst lebt schon immer davon, dass sie sich von anderen Disziplinen hat inspirieren lassen – ein genreübergreifendes Projekt an sich ist kein Neuland. Ich glaube, was im letzten Jahrzehnt dazugekommen ist, das sind die neuen Medien.

Wir verbringen einen nicht unerheblichen Teil unseres Lebens im Internet und in der Virtualität. Diese live auf Musik oder Tanz treffen zu lassen, ist etwas, das wahnsinnig faszinierend und auch schwierig, aber eben toll ist. Denn es gibt lebende Musik, lebenden Tanz und tote Animation. Das klingt jetzt furchtbar und ist auch nicht so gemeint, aber eine Animation ist etwas, das vorgefertigt ist. Und die trifft auf etwas, das lebendig ist und in diesem Moment entsteht, auch wenn es die Noten gibt und auch, wenn die Choreographie steht, aber trotzdem treffen dort zwei Welten aufeinander, in einer Live-Situation mit Publikum. In diesem Clash der Genres entsteht etwas Neues und ich finde es wichtig, dass man genau das erforscht. Auch für die Weiterführung für Kunst, auch für unsere Rezeption von Kunst.

 

Warum eignet sich Robert Schumann besonders gut für eine multimediale Umsetzung?

Die Vita von Robert Schumann ist eine wahnsinnig interessante und vielfältige, eben wegen seiner vermutlich bipolaren Störung. Wir dringen, wenn wir uns mit Robert Schumann auseinandersetzen, in Bereiche des Unterbewusstseins ein.

Wenn man sich fragt, wie man Musik visualisieren kann, dann ist Computeranimation etwas Fantastisches, um das zu tun. Wir versuchen, synästhetisch zu arbeiten, das heißt, assoziative Bilder, Bewegungen, Klangräume und Formen zur Musik zu finden. Diese verbinden wir dann mit historischen Dokumenten, Lithografien, Bildern von Robert Schumann und seiner Vita. Und dadurch entsteht – hoffnungsfroh – ein großer Raum, in dem eine Art von Trip möglich ist.

 

Was bewegt eine Zuschauerin oder einen Zuschauer dazu, sich auf diesen Trip zu begeben? So eine Achterbahnfahrt kann ja auch sehr beängstigend sein…

Ist es. Aber ist nicht jede Auseinandersetzung mit Kunst genau das – oder sollte es das sein? Das wäre jetzt mal meine profane Gegenfrage. Ich glaube, eine Erfahrung zu machen. Das ist ja das Spannende an assoziativen Abenden, warum ich sie auch so gerne mache und sehe. Jeder kann eine Erfahrung mitnehmen an diesem Abend, für sich, individuell.

Allein schon in ein Konzert zu gehen ist eine erfahrungsreiche Sache, aber visuell etwas dazu zu bekommen, kann glaube ich faszinierend, interessant, berührend und verstörend sein. Und für uns ist es wichtig, dass es all das ist.

Es ist auch ein Abend, der sehr fein und poetisch und durchaus auch mit Humor gezeichnet ist, um dann wieder abzustürzen in das Gegenteil.

 

Mancher Musikwissenschaftler behauptet, Schumanns letzte Werke kann man nicht ernstnehmen, weil er schon völlig außer sich war. Wie siehst du das persönlich?

Absoluter Schwachsinn. Wie würde man denn ansonsten an künstlerisches Potential rankommen? Der Künstler ist derjenige, der abdriftet in Welten, die der Logik und der Rationalität fern sind. Er bringt das, was er dort vorfindet, mit zurück in unsere Welt und versucht, über seine Art und Weise, über Musik, über Kunst, über Sprache, uns eine Möglichkeit zu geben, mit in diese Abgründe reinzuschauen. Ob jetzt Genie und Wahnsinn nah beieinanderliegen, diese Diskussion ist uralt. Aber die Werke, die er gemacht hat, sind sowas von ernst zu nehmen!

 

Hast du dich medizinisch mit diesem Krankheitsbild auseinandergesetzt und nachgeforscht?

So gut es geht. Es ist schwierig, ein bipolares Krankheitsbild zu entwerfen – und den klassischen bipolaren Krankheitsverlauf gibt es nicht wirklich. Aber wir versuchen, den Abend dramaturgisch danach zu gestalten. Bipolarität bewegt sich in Schüben, in großen Intervallen, wie Wellen. Je weiter fortgeschritten die Krankheit ist, desto intensiver werden diese Wellenausschläge. Und eine ähnliche Dramaturgie hat der Abend an sich.

 

Wie ist es, mit dem Tänzer Davidson Jaconello zu arbeiten?

Es ist fantastisch und befremdlich und irritierend und wunderschön! Ich bin kein ausgebildeter Choreograph, aber ich habe eine hohe Affinität zu Bewegung. Ich arbeite schon lange mit choreographischen Elementen oder mit Bewegung als Ausdruck, aber ich habe tatsächlich noch nie einen klassisch ausgebildeten, hochprofessionellen Tänzer vor mir stehen gehabt. Seit er ein kleines Kind ist, hat er nichts anderes gemacht hat als tanzen! Wir beide waren neugierig, unbeholfen und am Anfang im positiven Sinne irritiert, und jetzt ist daraus eine extrem fruchtbare Zusammenarbeit geworden. Ich lerne von ihm genauso wie er von mir und die Sprache, die wir zusammen finden, ist für uns beide neu und reich und schön. Es ist auf jeden Fall eines der künstlerisch ertragreichsten Projekte für mich in der letzten Zeit.

 


Daniel Pflugergeboren 1980 in Böblingen, ist Regisseur der „Szenen der Frühe“.


Aufführungen in der Württembergischen Landesbühne Esslingen im Rahmen des PODIUM Festival 2016:

Samstag, 16. April, 18 Uhr / TICKETS

Montag, 18. April, 20 Uhr / TICKETS

Eine Koproduktion des PODIUM Festival Esslingen mit dem Musikfestival Heidelberger Frühling, mit freundlicher Unterstützung der Karl-Schlecht-Stiftung.

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