Verdammte Blase


Die Einsamkeit der Rechthaber

Donald Trump wurde zum Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika gewählt. Zehntausende demonstrieren für die Pegida. Mehr als jeder Zehnte scheint die AfD wählen zu wollen. Millionen Menschen schauen ernsthaft „Bauer sucht Frau“. Und ich habe keinen, absolut gar keinen Kontakt zu all diesen Menschen, ihren Beweggründen und kulturellen Interessen. Als „halber“ Amerikaner kenne ich viele US-Wähler, keinen Einzigen aber, der Trump nicht abscheulich findet. Als Bewohner dieses Deutschlands kenne ich kaum jemanden, der für die Pegida marschiert, oder auch nur die AfD wählen würde. Ich kenne nicht einmal die Menschen, die sich „Bauer sucht Frau“ ansehen, oder mit Ausnahme von „Tatort“ und der „Tagesschau“ überhaupt fernsehen.

Meine Social Media Timelines sind voller liberaler Gedanken und gut gemeinter Empörung über den erstarkenden Populismus. Die Menschen dort, in meiner verdammten Blase, hören sogar mehrheitlich klassische Musik. Man wird andauernd aufgerufen, per Petition dieses Orchester oder jene Institution zu „retten“. Alle sind musikalisch und politisch ungefähr gleichermaßen gleicher Meinung. Eine große Einstimmigkeit umgibt mich. Und ich bin ein Teil davon, sie ergibt meine kulturelle und soziale Realität – und doch ist die eigentliche Realität da draußen: Trump wird Präsident, immer mehr wählen rechtspopulistische Parteien und immer weniger Menschen wollen offenbar etwas mit klassischer Musik zu tun haben und schauen lieber „Bauer sucht Frau“. Natürlich gibt es keinen besonderen Zusammenhang zwischen liberalen Ideen/Gesellschaftsentwürfen und klassischer Musik, oft ist dieses Verhältnis sogar eher unschmeichelhaft. In meiner eigenen, fein justierten Filterblase ist mir aber jedenfalls der Kontakt zum kulturellen Mainstream offenbar ganz entglitten.

Wenn es „nur“ um die Musik ginge, könnte es vielleicht noch insgesamt gesehen egal sein: wir sind eben eine Nische – das war wohl auch immer so – und man könnte vielleicht damit leben, dass diese Kunst für die Mehrheit nicht ansprechend ist und dies auch nicht sein will. Nun erleben wir aber diese selbstrefentielle Filterblase, die sich die Kunstmusik (sowohl die konservierende klassische Musik, als auch die ebenso segregierte Neue Musik) geschaffen hat, zunehmend auch in großen Gesellschaftszusammenhängen. Sehr weite Teile der Bevölkerung haben sich offenbar völlig von ehemals unangefochtenen, meinungsbildenden Politik-Eliten und journalistischen Medien entfremdet. Und da sitzen wir nun und sind ratlos: wer sind diese Menschen? Wenn jeder in meinem Umfeld schon mehr oder weniger meine Haltung oder wenigstens die weltanschaulichen Grundprämissen teilt, wenn jede Botschaft einfach nur Ego-schmeichelnd wie ein Echo zurückkommt, wenn also alles in meiner Welt unisono ist: wie zur Hölle schaffe ich Kontakt und Anschlussfähigkeit mit einer Welt da draußen, die offensichtlich in weiten Teilen ganz anderen Melodien folgt? Und seit dem Tonsatz-Grundkurs wissen wir: Harmonie ist nicht die Selbstwiederholung eines Materials, sondern ein Übereinanderliegen und Reiben gänzlich diverser Linien und Noten.

So isoliert geht es doch nicht weiter. Nicht in unserer kleinen Welt der Kunstmusik – und erst recht nicht in einer Demokratie, in der zumindest ein Diskurs zwischen Meinungen, Modellen und Ideen doch gerade wesentlich für den demokratischen Prozess ist. Wir können doch nicht einfach in unseren verdammten Blasen versiffen und uns dabei ganz toll und überlegen fühlen und – immer auch mit einem gewissen Wehleid – die „Anderen“ verfluchen.

Die große gesellschaftliche und demokratische Frage ist eine zu gewaltige für diesen Blogpost. Aber es ist interessant, dieses Problem bezogen auf unsere klassische Musikwelt zu betrachten, um dann vielleicht Rückschlüsse ziehen zu können. Denn im Wesentlichen sind es ja ähnliche Mechanismen: auch wir wähnen uns in der überlegenen Meinungsführung. Wir gehören einer für lange Zeit wenig angefochtenen Elite an und verachten mehr oder weniger verhohlen den „Populismus“ anderer Musikformen, die bezeichnenderweise „Pop“ genannt werden. Wir reden mit unseren Freunden und posten in unsere Timelines – und sind alle einer Meinung, dass das, was wir tun, ganz wichtig und das Wahre, Schöne und Gute sei.

Das ist ein riesiges Problem. Nicht, dass man in der Regel mit Gleichgesinnten spricht – das ist normal. Auch nicht, dass man sich inhaltlich abgrenzt – das passiert zwangsläufig. Es ist die Tatsache, dass man als klassischer Musiker durch die Ausbildung und die Welt gehen und dabei innerhalb dieses Systems alles genau „richtig“ und konform machen kann, und dabei absolut keinerlei Kontakt zur Außenwelt hat. Es findet weitgehend eine hermetische Abriegelung des Wertesystems statt. Man wird nie mit anderen Haltungen zu Kunst und Kultur konfrontiert, oder gar mit Menschen, die den gesellschaftlichen Nutzen unseres Tuns grundsätzlich in Frage stellen. In der Folge entwickeln Musiker – wie kann es anders sein? – eine seltsame Unmündigkeit in diesen Fragen. Denn man ist es gar nicht gewohnt, derart konfrontiert zu werden. Überhaupt spielen größere gesellschaftliche Zusammenhänge und Auseinandersetzungen gar keine Rolle. Man hat recht, weil man Kunst macht. Man entwickelt elitäre Ansprüche an die Welt, nur weil man das nun viel geübt oder studiert hat. Und diese Haltungen werden niemals wirklich angezweifelt. Wir werden so zu einer kulturellen Arroganz erzogen, die sich in unseren WG-Gesprächen und Social Media Dunstkreisen erschreckend offenbart: die dumme Welt da draußen, die immer weiter verroht, immer dümmer fernsieht, immer schlechter Musik hört. Wir: die letzte Bastion des Guten und Wichtigen.

Wenn für uns und die Welt alles wunderbar liefe, könnte das ja egal sein. Diese Arroganz wäre dann einfach nur unsympathisch, aber nicht weiter relevant. Aber da drüben wurde Trump gewählt, Großbritannien verlässt die EU und hier kommt bald die AfD in die Parlamente. Wenn es uns Kunstschaffenden nicht gelingt, für Ideen zu sprechen, zu streiten und kommunikative Brücken zu bauen – wem soll das bitte dann gelingen? Kommt damit nicht auch eine gewisse Verantwortung? Und wenn wir wirklich so weltabgewandt sein wollen, dann sollten uns zumindest die Zuschauerstrukturen und zunehmende Marginalisierung unserer Kunstform Gedanken machen.

Was können wir also tun, um diese verdammte Blase zumindest ein bisschen zu durchbrechen? Ein paar spontane Ideen, die zu diskutieren sind:

1.) Zunächst einmal: Wissen, dass wir in einer Blase sind.
Wenn ich etwas auf Facebook an meine Freunde poste, einen schlauen Hochkultursatz oder diesen Blogpost zum Beispiel, und dafür 17 Likes einheimse, dann habe ich nicht die Welt besser gemacht oder musikalisch/politisch agitiert, sondern bestenfalls ein bisschen mein Ego befriedigt. Das ist okay und normal – aber wir müssen wissen, dass wir mit so etwas nur Selbstbefriedigung betreiben. Wir erreichen kein neues Publikum und auch keine andere Meinung. Dieses Bewusstsein muss ein entscheidender erster Schritt sein.

2.) Zuhören.
Wir alle haben starke Abwehrreflexe, wenn wir mit etwas Fremdem konfrontiert werden, das sich gegen unsere Ästhetik oder musikalische Weltanschauung richtet. Dann einfach mal tief durchatmen und zunächst mal zuhören, was das eigentlich ist. Und wenn jemand mit schlechter Musik daherkommt: lasst uns zuhören. Nur wenn wir selbst zuhören, können wir auch von anderen dasselbe verlangen. Es ist eigenartig, wie die „Musikvermittlung“ scheinbar das gottgegebene Recht für sich beansprucht, alle Menschen zum Zuhören zu bringen – und dabei sind wir Musiker oft selbst extrem schlecht darin, uns auch nur auf irgendetwas Fremdes und Anderes einzulassen, ohne gleich in arrogantem Ton darüber zu urteilen. Schön finde ich in diesem Zusammenhang Jan Böhmermanns Idee in der aktuellen Episode des Podcasts „Fest & Flauschig“: ein kleines Festival, in dem möglichst extreme musikalische Gegensätze im Programm nebeneinander stehen, deren Protagonisten und Fans sich üblicherweise nicht ausstehen können. Alle müssen es einmal aushalten, sich gegenseitig zuzuhören, nur für einen Tag. Wenn es nicht einmal die Musik schafft, das hinzubekommen, wie soll es dann der Politik gelingen?

3.) Musik machen, keine Klassik.
Wir dürfen nicht als Botschafter eines fremden Klassiklandes oder Missionare eines fremden Kunstkults daherkommen, sondern einfach nur als Musiker mit ehrlichen Angeboten für die heutige Welt. Ein kluger Mensch hat mir in meinem jugendlichen Unvermögen, mich auf Lyrik einzulassen, einmal einen prägenden Satz gesagt: Don’t read poetry. Read poems. Wir müssen es schaffen, nicht als Denkmal zu wirken, sondern als jetziger Klang im heutigen Raum. Es lohnt sich jedenfalls, die Ehrfurcht vor unserer Sache ein bisschen abzubauen – dann können wir vielleicht wieder Zugänge jenseits unserer verdammten Blase schaffen.

4.) Enthusiasmus.
Es wurde noch nie etwas Großes ohne Enthusiasmus geschaffen. Und sofern eine Kunstvermittlung gelingt, so war immer auch Enthusiasmus dabei. Es klingt zu simpel, ist aber meines Erachtens ein sehr entscheidender Punkt: wir scheitern meist an unserer mangelhaften Freude. Indie- und Popkulturen erreichen deswegen die jungen Menschen, weil sie Enthusiasmus und Authentizität versprühen können. Klassische Musik wirkt zu oft rezitiert und dargestellt, nicht wie ein authentischer Ausdruck des Moments. Enthusiasmus gepaart mit Qualität hat eine unglaubliche Kraft, die wir eigentlich besonders gut entfalten könnten. Diese große, enthusiasmierende Kraft der überzeugten Behauptung – die sogar Trump ungeheuer beflügelt – könnte erst recht unseren Inhalten nutzen.

5.) Politischer werden.
Kunstmusik war aufgrund ihrer immateriellen, scheinbar absoluten Natur  schon immer unpolitischer als andere Kunstformen. Es hat etwas Eskapistisches – es dient den meisten zur Flucht eben vor der Realität, nicht zur Auseinandersetzung mit derselbigen. So sind Musiker oft recht unpolitische Menschen und eigentlich nur gut darin, lautstarke Politik für die eigene Sache zu machen (diese und alle obigen Verallgemeinerungen sind natürlich überspitzt). Dies kombiniert mit unserer allgemein unpolitischen Generation sorglos führt aber dazu, dass wir der Verantwortung, die uns die künstlerische Domäne nun einmal in den Schoß legt, nicht gerecht werden. Es reicht nicht mehr, nur schöne Konzerte für die eigene Blase zu machen. Wir müssen da raus, zumindest ein bisschen, wenn es auch schmerzhaft ist. Wir müssen uns mehr einmischen und dabei mit anderen Menschen und Ansichten durchmischen – wenn nicht aus gesellschaftlich-politischen Überzeugungen, dann zumindest im ganz eigensinnigen Überlebensinteresse.

Dieser Beitrag geht natürlich viel zu große Themen an, er kann eigentlich mit der Antwort nur versagen. Aber gegenwärtige Ereignisse in der Welt da draußen und ein langanhaltender, schleichender Prozess der Marginalisierung unserer kleinen Klassikwelt hier drinnen sollte doch langsam zumindest zum Nachdenken anregen. Denn es ist insgesamt einsam um uns selbsternannten Kunst-Rechthaber und Kultur-Wappenträger geworden.

Ich und wir alle hier bei PODIUM freuen uns jedenfalls über jeden Austausch und Gedanken dazu, wie wir kollektiv – Einzelne tun es ja schon längst – die Situation wieder (oder überhaupt jemals) great maken können.

 

2s Kommentare zu “Verdammte Blase”

  1. finally jemand der die klassische musik great maken will!

    lieber steven,

    deine selbstreflektion trifft zu,
    deine wahrnehmung und werte bringen dich zum nachdenken über die relevanz dessen, was man als musiker so tut.

    wir haben das problem, dass viele merkmale, die klassische musik zum heiß gehandelten thema lassen würden und buzz erzeugen würden, fehlen. wie zum Beispiel:

    1. wir haben nicht genug freude an uns und der aussenwelt, sondern sind kontrollfreaks am griffbrett.

    2. es gibt oft nicht genug intelligenz gepaart mit aussenperspektive.

    3. die akademische ausbildung ist nicht breit genug. keine physische, psychologische & intellektuelle vorbereitung auf die anforderungen, nur »répétition«

    4. die etats sind knapp und machen die branche uninteressant für viele begabte menschen.

    5. musik hat ein image/marketing-problem:
    5.1 verursacht von einer subventions-kultur des nehmens.
    5.2 verursacht von bequemem elfenbeinturm-denkertum & spezialistentum.
    5.3 berufsmusikern mit (psychischen) problemen aufgrund der isolation in alltag & bühnenleben (stichwort »selbstwirksamkeit«).
    5.4 die wertschöpfung und wertebasis großer labels besteht nur aus geld.
    5.5 große labels formen wesentliche teile des images: weil nur sie media-budgets mit größeren reichweiten haben.

    6. wegen prekärer wirtschaftlicher situation machen musiker immer das naheliegenste, können selten idealistisch sein.

    7. neben der unmittelbaren begegnung im konzert muss auch in medien veränderung entstehen.

    8. wir stehen zu viel in übezellen rum, unsere lehrer sind nicht normale menschen, sondern professoren: wir sollten dem urteil normaler menschen nacheifern.

    9. es ist wie überall: exzellenz braucht sinn & anwendung, der wissenschaftler muss mit dem markt kommunizieren. deswegen müssen wir wo die fantasie erlaubt mehr & neue touchpoints anbieten.

    10. musik kann alter/schönheit/rasse/religion/sexualität überwinden, wird aber meistens hinter diese dinge gestellt.

    11. musik ist absolute existenz & aufklärung. zuhörer müssen meist weit weg vom musiker sitzen.

    12. politik & stiftungen müssen helfen, an dieser zukunft zu bauen.

    13. wir müssen uns zusammen tun und eine gemeinsame sprache über dieses thema finden: wir sind einsam, wollen aber trotzdem recht behalten.

    14. diese neue generation von musikern muss sich organisieren

    15. REVOLUCIÓN!

    Antworten
  2. Neasa Ní Bhriain

    Vielen Dank für den Beitrag, es hat für mich viel Sinn gemacht und äußert Gedanken die schon längst in meinem Kopf sind. Als Musiker ist es oft schwer dieses „normale“ Publikum zu erreichen, denn uns wird von Anfang an das Gefühl gegeben wir seien etwas besonderes und das besondere was wir machen ist nur für Menschen die das besondere verstehen… also spielen wir oft für die selbe Menschen – sie haben Geld und oft irgend eine Art von musikalischer Ausbildung.
    Wenn wir nicht für diese (meißt ältere Generation) spielen, dann manchmal ist es für die ganz andere gesellschaftliche Richtung, die in Krankenhäusern oder Altersheime – wir spielen für die die sonst gar kein Zugriff auf Musik hätten. Wir fühlen uns dann gut, dass wir auch Karitativ wirken können.
    Beides sind wichtig und ich glaube wir dürfen mit allen unseren Worten und Wünschen für Revolution in der klassischen Musik Welt nicht dieses Publikum das Gefühl geben sie seien nicht die Leute die wir erreichen wollen. Ich hätte gern nur eine Situation, wo mehrere Gruppen und Orchester bereit sind aufs Land zu gehen (oder manchmal ist es nur knapp außerhalb der Stadt wo wir leben) und ein Programm anzubieten und vor allem das Soziale dabei zu beachten. Vielleicht nach dem Konzert nicht sofort alles einzupacken und loszuziehen sondern mit den Leuten ins Gespräch zu kommen. Sich auch als Mensch, nicht nur exotischer Musiker darzustellen.

    Auf dem Land in Bundesländern wie Sachsen oder Mecklenburg-Vorpommern ist es nicht so einfach wie in Bayern ein super, klassisches Konzert zu hören.
    Diese Menschen müssten wir auch in unsere Konzert Konzepte mit einplanen und versuchen mehr anzubieten, wo es vielleicht keinen Theater schon gibt sondern vielleicht eine Kirche.
    Natürlich spielt Geld leider hier eine Rolle. Aber es gibt Stiftung die auch helfen können, mehr zu verwirklichen.

    Menschen sind überall Menschen und ich glaube unsere Verständnis von dem Beruf Musiker muss sich etwas entwickeln. Wir sind privilegierte Menschen mit Ideen. Und wenn wir nur davon profitieren im materialistischem Sinne dann erreichen wir bei weitem nicht unser Potential. Wir haben einen Platform zu spielen und zu hören und das finde ich ist der wichtigste Punkt den Du gemacht hast, Steven Walter. Wir müssen zuhören. In jeder Situation, bei jeder Debatte und Konflikt.

    Ich bin ganz dabei mich zu öffnen für eine neue Art mit Menschen zu kommunizieren durch Musik. Ich denke wir sind auch viele.

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