Vom Raum berauscht


PODIUM gastierte im Kloster Bebenhausen

Wir sind immer noch tief beglückt und berührt: mitten in der ländlichen Idylle, etwas nördlich von Tübingen verbirgt sich ein wahres Kleinod, ein mittelalterlicher Schatz, dessen Gemäuer durch ein ganz besonderes PODIUM Gastspiel zum Klingen gebracht wurden.

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Als eines der magischsten Ziele im gesamten Württembergischen Raum bietet das Kloster und Schloss Bebenhausen mit seinen Räumlichkeiten ideale Bedingungen für ganz besondere Klangwelten. Wie geschaffen für PODIUM, frohlockten wir!

So fanden unter dem Motto RAUM UND RAUSCH an drei Konzerttagen insgesamt vier Veranstaltungen statt, dabei boten fünf unterschiedliche Räume des Klosters die Möglichkeit zur Entfaltung reicher Sinneseindrücke.


Klingende Mensa

Das Eröffnungskonzert fand im Sommerrefektorium, dem früheren Speisesaal der Mönche statt. Der gotische Raum bildet durch seine hohen schlanken Pfeiler eine besondere sakrale Atmosphäre. INTRO – RAUSCH DER EINKEHR lautete das Motto des Abends: eine Einladung zum Wohlfühlen in dem so schön verzierten Raum, dessen Ornamentik wie ein eigenes Klanggebilde sich kunstvoll verwebt.

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Umrahmt von Sätzen aus Brahms spätem Klarinettentrio platzierten sich zur inneren Einkehr spätromantische Klavierklänge von John Cages Werk „Dream“. Spätestens jetzt war klar: hier fand eine ganz besondere Symbiose zwischen Raum, Licht, Klang und Anwesenden statt. Getragen von einem gemeinsamen Flow gesellten sich zum letzten und längsten Werk des Abends Herzklopfen und Gänsehaut. Osvaldo Golijovs „Dreams and Prayers of Isaac the Blind“ bot neben introvertierten Schmerzensschreien gleichsam virtuose volkstümliche Klarinettentänze. Jubel, Glück, langer innerer Nachhall – ein Festmahl für alle Sinne.


Wandeln im Vielklang

Wer heute gekommen war, um gutbürgerlich im Zuschauerraum Platz zu nehmen und ein Konzert zu hören, dürfte ob der Inexistenz eines solchen Zuschauerraumes etwas verunsichert worden sein. Dazu kam die Freiheit und damit verbundene Verantwortung, sich die musikalischen Inseln selbst zu suchen – wir meinen zum ganzheitlichen Erleben darf, ja muss dem Besucher auch selbstbestimmtes Handeln zugemutet werden.

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An vier Orten im Kloster fanden in der ersten Hälfte des Samstag-Konzertes unterschiedlichste kammermusikalische Erlebnis-Spots statt. Das Sommerrefektorium wurde zum Ort einer Klanginstallation von John Adams („Light  over Water“), der Kreuzgang war ganz dem Komponisten Arvo Pärt gewidmet. Durch Loop Stations wurden zwei seiner Werke immens verlängert, erklangen an allen vier Ecken durch unterschiedlich platzierte Musiker different und bildeten den „Erlebnisdurchgang“ zwischen den drei übrigen Konzertorten. Neben dem Sommerrefektorium gab es da noch das Dormitorium, die ehemaligen Schlafgemächer der Mönche, inklusive riesigen ausgestopften Tieren liebevoll von der Klosterpflege aufrechterhalten und die Kirche, in der Bachs Chaconne für Solovioline und „Dharana“ von Giacinto Scelsi für Cello und Kontrabass erklangen. Nach dem musikalischen Spaziergang durch die Klosteranlage wurde im zweiten Teil des Abends wieder das Sommerrefektorium zum Mittelpunkt des Geschehens.

Wer beim diesjährigen PODIUM Festival in Esslingen zu Gast gewesen war, hatte das folgende Werk dort in der Villa Merkel hören können. Wir erlebten also am Bebenhausen-Samstagabend mit der Wiederaufführung des Werkes „Momentum“ einen der faszinierendsten Festivalabende, dazu in der exakt gleichen Besetzung: Klavier, Klarinette, Cello, Kontrabass und Violine.

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Die Musiker waren in einem offenen, großen Kreis platziert, die Zuschauer hatten die Möglichkeit, sich auf Bänke oder einige Hocker zu setzen, waren aber explizit aufgefordert sich frei im Raum zu bewegen. Denn die Musik der zweiten Abendhälfte benötigte keine klassische Konzertbestuhlung – im Gegenteil: die minimalistischen Klänge des Werks Momentum provozieren in jedem Fall Besonderes. Hier verschwimmen Distanzen, werden Berührungsängste abgeschafft, tritt eine kollektive Trance ein. Verzückung und Verwunderung breiten sich aus. Kann es sein, dass ein einzelner Takt über hundert Mal erklingt? Was ist das für eine merkwürdige berührende Musik, die einen für alle sichtbar gar tanzen lässt? Unmöglich ganz in Worte zu fassen. Ein denkwürdiger Abend, dem ein langer tiefer Beifall folgte.

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Kulinarische Kutscherhalle

Gioachino Rossini hätte seine helle Freude gehabt. Nicht nur am reichhaltigen Brunchbuffet, sondern auch an der Darbietung seines Duetts für Violoncello und Kontrabass.

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Livemusik und Brunch – kein neues Konzept, dennoch eines, dass sich perfekt in die offene Kutscherhalle des Klosters fügte. Es wurde gebannt gelauscht, freudig gegessen, herzlich geredet und begeistert gejubelt – besonders am Ende, nachdem Dvoraks Streichquintett G-Dur erklungen war. Satt und gut gelaunt konnte nun dem Abschlusskonzert entgegengefiebert werden.


Rastloser Rausch

Das Abschlusskonzert des Bebenhausen-Wochenendes mit dem Titel EXTRO, als Gegenpol zum Eröffnungskonzert konzipiert, bot in der ersten Hälfte eine nonstop-Abwechslung der krassen Gegensätze. Sinustöne lösten romantische Schumann-Klänge ab, John Adams begegnete Leo Ornstein und Guillaume Connesson. Keine Zeit zum Innehalten, rastlos getrieben wechselten sich die Musiker ab. Dann die Pause. Kurzes Durchatmen vor dem Schluss. Der hatte es mit Peteris Vasks „episodi e canto perpetuo“ in sich! Diese Musik glaubt an die Kraft der Verkündigung, erzählt Geschichten, traurige, dramatische, poetische. Sie tut es mit kaum gefiltertem Pathos, weit gespannten melodischen Bögen, großen Passacaglien, ostinaten Motiven und immer wieder in schönster Tonalität, wenn auch voller harmonischer Härten.

Riesiger Beifall beendete unser Wochenende voller Raum und Rausch. Es war ein Fest!

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Dank der freundlichen Unterstützung der Firma CHT R. Beitlich GmbH war es uns möglich, dieses ganz besondere Gastspiel zu realisieren.

Text: Anselm Bieber. Fotos: Leo Higi.

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