When We Were Trees


Wenn Lerche und schwarze Engel aufeinander treffen

„When We Were Trees“ lautet der Titel des ersten von insgesamt 20 Konzertem beim diesjährigen PODIUM Festival in Esslingen. Versprochen wird das Erklingen einer Musik der Natur: verführerisch, rein, brutal, archaisch.

Einführend mit dem Stück The Lark Ascending – die „aufsteigende“ Lerche – des britischen Komponisten Ralph Vaughan Williams (1872-1958) erklingt der Raum, dessen Boden mit Holzhackschnitzel bedeckt ist und leuchtende Gazen von den Decken kommen. The Lark Ascending – Musik, die zu Assoziationen englischer Landschaften und frühlingshaften Winden anregt, wurde 1914 fertig gestellt. Das Gerücht besagt, Williams habe das Stück am Strande liegend erdacht und geschrieben. Zu einer Zeit, in der Schiffe auf zum Krieg zogen – in den 1. Weltkrieg. Die Vorstellung einer küstenhaften Idylle wird unterbrochen; auch Williams soll die vorbeiziehenden Schiffe beobachtet haben.

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Die Stimme der Sologeige, gespielt von der Isländerin Hulda Jónsdóttir, nimmt die Zuhörenden mit in diese Welt am Strand, vielleicht im Herbst; einer Ruhe vor dem Sturm. Und doch ist es kein Sturm, sondern vielmehr eine auflösende Harmonie, die diese Melodie verspricht. Die Sologeige trägt nicht nur unsere Fantasie hin aus den Räumen des KOMMA – sie nimmt uns wahrhaftig mit durch den Raum. Die Geigerin steigt hinab von der Bühne und räumt sich stetig schreitend einen Weg durch das Publikum, auf die andere Seite des Raumes. Sie steigt empor auf eine andere Bühne – bringt die letzten Klänge der Lerche zu Ende, bevor sie, wie ein brutaler Überfall, im Quartett George Crumbs 1. Satz aus „Black Angels“ – schwarze Engel – anspielt.

„Black Angels – Thirteen Images from the Dark Land: a parable on our troubled contemporary world“ lautet der volle Titel. Die Lerche ist also hinübergeflogen ins dunkle Land, in die in Not geratene Welt. Der US-amerikanische Komponist Geroge Crumb (*1929) schrieb seine schwarzen Engel bis 1971, also inmitten des Vietnam Kriegs. Zwischenzeitlich ist nicht nur der 1., sondern auch der 2. Weltkrieg mit all seinen menschlichen Schrecken über die Länder und Zeit gezogen – und die Frage bleibt: Wo fahren die Schiffe hin, haben sie denn nichts gelernt?

Nach den ersten drei Sätzen des Stücks wird es unterbrochen von Aaron Coplands Threnody für Flöte und Streichtrio, bevor die Sätze 4-6 erklingen. „Devil-music“, „Danse Macabre“ und „Pavana Lachrymae“ (Der Tod und das Mädchen). Bis zum Ende der insgesamt 13 Sätze wird das Publikum nochmals mitgenommen mit dem zeitgenössischen Komponisten und Cellisten Giovanni Sollima (*1962) und den Stücken „When We Were Trees“ und „Terra Aria“. Die Stücke wurzeln in der Verbindung zur Natur – in der Natur. Archaisch und standfest, unmittelbar und verwurzelt. Der Kontrast zu „Black Angels“ ist deutlich spürbar – die schwarzen Engel wurzeln nicht auf dem Grund und scheinen kaum mehr in Verbindung zur Natur. Sie machen Angst. Erzeugen Unbehagen – ein argwöhnisches Gefühl.

Abgeholt werden die Zuhörenden nach Satz Nr. 13, „Night of the Electric Insect“ wieder von Miguel Pérez Inesta und dem ersten Satz der drei Stücke für Klarinette solo von Igor Strawinsky.

Ein begeisterungsträchtiges Konzert – mit einem Publikum, das fest auf den Hölzern und Wurzeln des weichen Bodens saß, während es mitgenommen wurde über Länder und Meere, Jahrzehnte aus Musik, der Menschheitsgeschichte, Krieg und Frieden, Kampf und Harmonie.

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